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Südwest Presse: LEITARTIKEL · GRIECHENLAND

Ulm (ots) - Zäsur zur Halbzeit

Von Gunther Hartwig Pyrrhus, Herkules und Sisyphos - die Mythologie der Hellenen ist reich an tragischen oder strahlenden Helden. Doch hilft die ständige Beschwörung dieser Ikonen des Altertums bei der Erklärung der aktuellen Staatsschuldenkrise in Griechenland nicht weiter, schon gar nicht bei deren rascher Lösung. Vielmehr müssen sich die jetzt Verantwortlichen in Athen, Brüssel und Berlin auf ihre eigenen Überzeugungen und Fähigkeiten verlassen, wenn sie das Drama in der Euro-Zone allen Widrigkeiten zum Trotz doch noch zu einem guten Ende führen wollen. Dabei ist der Anteil, den die Deutschen zur Rettung des seit über fünf Jahren überwiegend selbstverschuldet der Pleite entgegentaumelnden EU-Partners beizutragen haben, von Beginn an nicht gering gewesen - politisch, ökonomisch und psychologisch. Leider ist es den handelnden Akteuren in diesem Zeitraum nicht durchweg gelungen, dieser großen Verantwortung gerecht zu werden, was beileibe nicht bloß auf Regierungsmitglieder und Parlamentarier zutrifft, sondern im gleichen Maße auf Teile der Medien sowie der mehr oder weniger sachverständigen Öffentlichkeit. Heute nun entscheidet der Bundestag darüber, ob die Verhandlungen über ein drittes Hilfspaket für Griechenland aufgenommen werden sollen, und zwar auf der Basis jenes Kompromisses, um den die Europäer am letzten Wochenende so leidenschaftlich und kontrovers gerungen haben. Inzwischen darf als gesichert gelten, dass der deutsche Finanzminister den "Grexit" wollte, während die Kanzlerin - wie so oft - unentschieden war. Schließlich ließ sich Angela Merkel von ihren Kollegen aus Paris, Rom und Wien auf die Seite derer ziehen, die Athen um jeden Preis im gemeinsamen Währungsraum halten wollen - "scheitert der Euro, scheitert Europa". Der im Brüsseler Glaubensstreit unterlegene Wolfgang Schäuble lässt seither keine Gelegenheit aus, seinen Plan für ein mindestens temporäres Ausscheiden der Griechen aus der Euro-Zone als die vernünftigere und bessere Alternative zu rühmen. Damit bezieht er nicht nur offen Stellung gegen die Kanzlerin, sondern auch gegen deren Vize Sigmar Gabriel, der freilich erst von seiner Partei auf Gegenkurs zum "Grexit" gezwungen werden musste. Schäuble liefert also der stattlichen Zahl von Abweichlern in der Union eine plausible Begründung dafür, im Parlament gegen weitere Milliarden für Athen zu stimmen - und zugleich gegen die eigene Regierungschefin. Unabhängig von der Frage, ob das Sanierungsprogramm, das viele Griechen eher als Entmündigung begreifen, den von den Gläubigern erhofften Nutzen auch wirklich stiftet, und abgesehen von den zweifellos katastrophalen Folgen, den ein "Grexit" für die europäische Integration hätte - für die schwarz-rote Koalition wird das heutige Votum wegweisend sein. Eine Kanzlerin, der bei einer für Europas Zukunft existenziellen Entscheidung allein 50 oder 60 Abgeordnete aus der Union die Gefolgschaft verweigern, trüge ebenso Schaden davon wie ein SPD-Vorsitzender, der zum wiederholten Male von Merkel und Schäuble ausmanövriert wurde. Wie ist es nur um den Zusammenhalt und das gegenseitige Vertrauen in einem Bündnis bestellt, in dem die Differenzen zwischen den Führungsfiguren so eklatant sichtbar werden? Eine Königin ohne Land, ein Schatzkanzler eigenen Rechts, dazu ein rotes Irrlicht - Merkel, Schäuble und Gabriel werden es nach dieser Zäsur zur Halbzeit der Wahlperiode schwer miteinander haben. Und mit ihren immer lauter murrenden Truppen auch. Schäuble bezieht offen Stellung gegen die Kanzlerin

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