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Südwest Presse: KOMMENTAR · MIDDELHOFF

Ulm (ots) - Quälende Fürsorge

Licht an. Licht aus. Nur eine Sekunde. Doch mancher wacht da schon auf. Sofern er noch lebt. Thomas Middelhoff wurde in der Untersuchungshaft alle 15 Minuten geweckt, weil die Anstaltsleitung Bedenken hatte, der einstige Top-Manager könnte sich zwischen zwei dieser Kontrollen getötet haben. Damit er dazu keine Chance hatte, bekam er keine Chance, zu schlafen. Licht an. Licht aus. Aus Fürsorge. 672 Stunden lang. Stimmt es, was Middelhoffs Anwälte vortragen, ist ihr Mandant Opfer systematischen Schlafentzugs. Das gilt rechtlich als "unmenschliche Behandlung" - auch wenn es politisch einen Unterschied macht, ob der Staat Gefangene am Schlaf hindert, um sie weichzukochen, wie es die Amerikaner in Guantánamo taten, oder ob er einen drohenden Suizid verhindern will, wie es hier angeblich der Fall war. Formal mag alles seine Ordnung haben: Der Staat hat eine Fürsorgepflicht für Gefangene, ganz besonders gilt das für jene, die keine Hafterfahrung haben. Wer noch nie hinter Gittern saß, empfindet das stärker als Schock, als es abgebrühte Straftäter tun. Dass die Suizidgefahr da höher sein kann, ist nicht an den Haaren herbeigezogen. Doch eine extreme Behandlung, wie sie Middelhoff widerfuhr, legt den Verdacht nahe, dass es vor allem darum ging, nicht belangt zu werden, falls sich der Ex-Manager etwas antun sollte. Das aber ist keine Sorge für den Insassen, das ist Selbstschutz der Anstalt auf dessen Kosten. Vieles spricht dafür, dass es an der Verhältnismäßigkeit von Mittel und Zweck fehlte. Die schlimmere Variante - dass man eine Hassfigur aus der Wirtschaft mal rannehmen wollte - die mag man sich gar nicht vorstellen.

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