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Südwest Presse: Kommentar zum Kirchentag

Ulm (ots) - Als Fest des Glaubens und der Begegnung - so präsentiert sich der zweite Ökumenische Kirchentag in München. Es ist das wichtigste kirchliche Großereignis in krisenbehafter Zeit. Mit seinem Motto "Damit ihr Hoffnung habt" setzt das von Laien organisierte Christentreffen der beiden großen Kirchen einen klaren Kontrapunkt zu der Verunsicherung in der Finanz- und Währungskrise und angesichts jenes Themas, das das Kirchenvolk zur Zeit bewegt wie kein anderes: den sexuellen Missbrauch - vor allem, aber nicht nur - in der katholischen Kirche. Viel Ermutigung ist in in den Diskussionsrunden und bei spontanen Treffen in Kirchen und auf den Fluren der Messehallen zu erleben. Dass so viele tausende Menschen bereit sind, sich ihrer Verantwortung als Christen zu stellen und zu versuchen, die Welt - ob in Kirchengemeinden oder in Umwelt- und Dritte-Welt-Arbeitskreisen - ein Stück besser und menschlicher zu gestalten, ist der Rückenwind, den die Kirchen heute so dringend brauchen. "Wir dürfen nicht vergessen, wie viel Gutes durch die Kirchen bewirkt wird", sagte Bundespräsident Horst Köhler zum Auftakt des Großereignisses. Die Gesellschaft brauche die gelebte Solidarität und Barmherzigkeit, die mit den Kirchen in die Welt komme. Eindrucksvoll demonstrierten die christlichen Laien, auf welch breitem Fundament ihre weltweit tätige Nächstenliebe steht. Christsein heißt eben auch Position beziehen zu militärischer Gewalt, zu Menschenrechtsverletzungen, Problemen der Globalisierung und zunehmender sozialer Spaltung. Das zeigt das Laientreffen in seiner ganzen Vielfalt. Und es lud ein, ins Gespräch zu treten mit Suchenden, Verunsicherten, religiös Unmusikalischen. So entspannt und so überzeugend zeigt sich Kirche heute selten. Und so selbstkritisch. Die beiden zentralen Themen des Treffens stehen dafür: Der sexuelle Missbrauch in den Kirchen und die Ökumene. Letzterer scheint in den vergangenen Jahren der Schwung auf Ebene der Kirchenleitungen abhanden gekommen zu sein. Das Nebeneinander wird kultiviert, für ein echtes Miteinander in aller Unterschiedlichkeit - Protestanten sprechen hier von versöhnter Verschiedenheit - fehlt die Kraft. Das gemeinsame Mahl von gesegneten Broten an tausenden Tischen in der Münchner Innenstadt gestern Abend ist nur ein schwacher Trost für eine fehlende Gemeinschaft der Protestanten und Katholiken bei Kommunion und Abendmahl. Anders als Jesus, der an seinen Tisch alle ohne Unterschied einlud, vertritt hier vor allem die römische Kirche eine Theologie der Ausgrenzung. Ohne sichtbare Kirchengemeinschaft und ohne eine gemeinsame Feier wird es keine Anerkennung geben, das betonte der Münchner Erzbischof Marx noch vor dem Laientreffen. Doch vermutlich in keinem Land der Welt stehen sich Katholiken und Protestanten in nahezu gleich großen Gruppen gegenüber. Kaum irgendwo leben so viele konfessionell getrennte Familien. Sie haben die Last zu tragen, die ihnen von Theologen und Kirchenoberen aufgebürdet werden, die aus theologischer Eigenbrödelei unfähig sind zu einem echten Miteinander. Hier tut theologische Selbstkritik Not und in den Gemeinden die Courage, mutig und einladend nach vorne zu leben - unter Katholiken heißt dies "vorauseilender Gehorsam". Die begründete Ermutigung hierfür bringen die 125 000 Dauerteilnehmer vom bewegenden Treffen in München in ihre Ortsgemeinden mit. Kirchentage wollen und sollen Zeitansage sein. Diesen Anspruch erfüllt das Christentreffen in München. Das gilt für die Gerechtigkeitsfragen gegenüber Politik und Gesellschaft und das gilt für den mutigen Blick auf das Thema sexuelle Gewalt.

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