Südwest Presse

Südwest Presse: Kommentar zum Thema Missbrauch

Ulm (ots) - Der Missbrauchsskandal wird die katholische Kirche in Deutschland mehr verändern als vermutlich jede Weichenstellung im Vatikan. Denn er hat Vertrauen zerstört - nicht nur in einzelne Priester und deren vorgesetzte Bischöfe. Die Institution Kirche steht auf dem Prüfstand. Das belegen aktuelle Umfragen. Diese Differenzierung ist wichtig. Während die Amtskirche mit Betroffenheit vom Versagen Einzelner spricht und auch Papst Benedikt XVI. in seinem Hirtenwort von Schande und Reue schreibt, - gehen die Fragen vieler Gläubiger weiter. Was begünstigte den sexuellen Missbrauch in einer Institution, die so hohe moralische Ansprüche erhebt? Wie kam es, dass die schweren Verbrechen in der Kirchenhierarchie so lax gehandhabt wurden, dass in Diözesen wie Regensburg bis in die jüngste Vergangenheit auffällig gewordene Pfarrer versetzt statt suspendiert und angeklagt wurden? Und warum verdiente das Ansehen der Institution so viel mehr Schutz als die Kinder, die auffällig gewordenen Priestern ausgeliefert wurden? Die Fragen gehen über das hinaus, was Bischöfe und der Papst anzusprechen bereit sind. Diese verharren auf der individuellen Ebene oder führen gar den Zeitgeist und die sexualisierte Öffentlichkeit als Ursachen des Übels an. Auch Benedikts Erklärungsmuster weist in diese Richtung. Er nennt Fehlinterpretationen des Zweiten Vatikanischen Konzils als eine der Ursachen für das Fehlverhalten von Geistlichen. Ganz so, als verspräche eine sittenstrenge Umgebung eine heile Welt. Nach dem Motto: je rückwärtsgewandter desto untadeliger. Das mag dem Wertebild des katholischen Oberhirten entsprechen. Mit Wirklichkeit hat es nichts zu tun. Weder Sittenstrenge noch größte sexuelle Offenheit schützen Kinder und Jugendliche vor sexuellen Übergriffen. Das zeigen auch die Vorfälle in der reformorientierten Odenwaldschule. Die Nebelkerzen, wie sie im Vatikan und von den Bischöfen Walter Mixa und Ludwig Müller gezündet werden, bringen die Aufarbeitung des Skandals aber auch nicht voran. Im Gegenteil: Sie bestärken den Verdacht, dass die katholische Kirche zu einem Läuterungsprozess nicht in der Lage, vielleicht auch (noch) nicht Willens ist. Aufarbeitung heißt mehr als nur Transparenz zu schaffen. So schmerzlich das auch ist. Es bedeutet, sich mit den Ursachen auseinanderzusetzen: dem durch die sakrale Weihe überhöhten Priestertum, der oft lebensfeindlichen Sexualmoral der katholischen Kirche, der Verteufelung der Homosexualität und den Folgen des Zwangszölibats. Der Zölibat an sich ist nicht die Ursache von Pädophilie. Schließlich finden die meisten dieser Verbrechen in nicht-zölibatären Lebensformen statt, nämlich zu 90 Prozent in der Familie. Doch der Zölibat kann "die Fähigkeit, sich mit der eigenen Sexualität auseinanderzusetzen und sich dem Prozess zu stellen, der zur Beziehungsfähigkeit führt, erschweren oder gar verhindern", wie der Psychotherapeut und Theologe Wunibald Müller erklärt. Diesen Themen hat sich die katholische Kirche zu stellen, will sie ihre Stimme in einer pluralen Gesellschaft nicht verlieren. Denn wie sollten Bischöfe weiter zu moralischen Fragen und gesellschaftlichen Herausforderungen glaubwürdig Position beziehen können, wenn sie auf eigenem Terrain kläglich versagen? Die katholische Kirche steht letztendlich vor der Wahl, sich auf Halbheiten zu beschränken und damit selbst an den gesellschaftlichen Rand zu manövrieren oder einen vermutlich langen und tiefen Reinigungsprozess zu beginnen, der Vertrauen vielleicht irgendwann wieder möglich macht. Eine Rückkehr zum status ante, wie er noch zu Jahresbeginn war, wird es jedenfalls nicht geben. Pressekontakt: Südwest Presse Lothar Tolks Telefon: 0731/156218 Original-Content von: Südwest Presse, übermittelt durch news aktuell

Themen in dieser Meldung


Weitere Meldungen: Südwest Presse

Das könnte Sie auch interessieren: