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Südwest Presse: Kommentar zur Terrorabwehr

Ulm (ots) - Amsterdam - Newark - München. Könnten Pannen fliegen, sie hätten in den vergangenen vier Wochen diese Route genommen. Erst steigt ein Nigerianer in Amsterdam mit Sprengstoff im Gepäck unbehelligt um, weil keine Spürhunde vor Ort sind. Dann umgeht ein Mann in Newark lässig eine Absperrung, um seine Freundin schneller begrüßen zu können. Und in München verschwinden ein Mann und sein Laptop spurlos. In allen Fällen greift niemand ein. Weil Sicherheitspersonal fehlt? Weil es überfordert ist? Weil es schlecht ausgebildet ist? Fragen, die sich aufdrängen, auf die es bisher keine Antwort gibt und wohl in absehbarer Zeit auch nicht geben wird. Denn anstatt sich dieser im wahrsten Sinn des Wortes bodenständigen Probleme anzunehmen, beraten die politisch Verantwortlichen bevorzugt über hochfliegende Themen wie die Weitergabe von Fluggastdaten oder - so erst gestern beim Treffen der EU-Innenminister im spanischen Toledo - die Einführung der umstrittenen Nacktscanner. Fliegen soll so sicherer werden - oder bei den Passagieren zumindest ein Gefühl der Sicherheit erzeugen. Denn mehr ist nicht möglich, will man den Luftverkehr noch massentauglich erhalten und nicht zeitraubend jeden Passagier persönlich und von Hand bis auf die Unterhose inspizieren. Nervosität, Hektik und Aktionismus bestimmen das Bild aller Sicherheitsdebatten. Der Flughafen indessen ist zum Sinnbild für dieses Denken geworden - nicht nur, weil die Attentäter des 11. September 2001 Passagiermaschinen für ihren Angriff benutzen. Denn die Angst fliegt mit, seit es das Flugzeug gibt. Ging es einst um technische Probleme und schlecht gewartete Maschinen, ist es heute die gefühlte Bedrohung durch finstere Elemente, die die Menschen beunruhigt, sobald der Boden entschwindet und die Wolken näherkommen. Reisen mit Bahn und Auto sind statistisch gesehen gefährlicher, doch wer fliegt, braucht Vertrauen - und fordert stattdessen Sicherheit. Die Praxis sieht anders aus, als sie sich Sicherheitspolitiker gern vor- und der Bevölkerung darstellen. Und die Diskussion dreht sich möglicherweise um die falschen Themen. Raffinierte Neuerungen wie Nacktscanner und die insbesondere auf Druck der USA angelegten gewaltigen Datensammlungen, mit deren Hilfe verdächtige Passagiere aus der breiten Masse der Fluggäste herausgefiltert werden sollen, beflügeln allenfalls das trügerische Bewusstsein, allzeit be- und überwacht zu werden. Dass dies ein Mehr an Sicherheit schafft, darf bezweifelt werden. Das zeigen die jüngsten Beispiele, in denen ein Verbrecher an Bord kam und harmlose Passagiere Chaos auslösten, weil sie die Sicherheitskräfte mutmaßlich ohne böse Absicht irritierten. Technische Aufrüstung mag die Bevölkerung beruhigen, mehr als ein weiteres zweifelhaftes Signal in einer zur Symbolpolitik verkommenen Diskussion ist sie nicht. Stattdessen birgt sie die Gefahr, dass sich die Verantwortlichen zurücklehnen im Glauben, etwas getan zu haben und aus den Augen verlieren, wo sich ansetzen ließe: Beim Blick auf den Boden, dorthin also, wo - wie Militärs zu sagen pflegen - der Krieg gewonnen wird. Ein Lösungsansatz wäre stärkere Präsenz geschulter Kräfte. Der Polizei deutlich mehr Personal für die Flughäfen zuzugestehen, würde jedoch ebenso Geld kosten wie eine Aufstockung privater Kräfte. Ersteres belastet den Haushalt, Letzteres würde am Ende über Gebühren auf die Fluggäste abgewälzt. Doch wer aus der sicherheitspolitischen Sackgasse will, muss erkennen, dass dies nicht umsonst zu haben ist. Mit Ministerrunden, neuen Gesetzen und dem Glauben an überlegene Technik ebenso öffentlichkeitswirksam wie billig durchzustarten, ist Selbstbetrug. Pressekontakt: Südwest Presse Lothar Tolks Telefon: 0731/156218 Original-Content von: Südwest Presse, übermittelt durch news aktuell

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