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Südwest Presse: Kommentar zum Prozess Demjanjuk

    Ulm (ots) - 89 Jahre alt ist er. Und schwer krank. Muss man einen Greis wie John Demjanjuk noch vor Gericht zerren? Man muss. In Deutschland allemal. In diesem vermutlich letzten größeren Verfahren wegen Massenmordes in der NS-Zeit wiegt nicht nur der zentrale Anklagepunkt so schwer. Demjanjuk steht gleichsam für ein nun zu Ende gehendes Zeitalter: das der Zeitzeugen bei Tätern und Opfern. Dies wirft ein noch spezielleres Interesse auf den Prozess in München als es bei Verhandlungen gegen Hitler-Nazis eh der Fall ist. Einmal mehr steht die deutsche Justiz unter internationaler Beobachtung. Es geht um den das deutsche Selbstverständnis auch in der Nach-Zeitzeugen-Ära bestimmenden Faktor des größten nur denkbaren Zivilisationsbruches. Es geht darum, dass auch dieses Sobibor, wo Demjanjuk an der Ermordung tausender Menschen beteiligt gewesen sein soll, zu einem atemberaubenden Vernichtungssystem gehörte, das nicht irgendwann vergeht oder einfach aus den Geschichtsbüchern verschwinden kann. Der Münchner Prozess hat also politische Dimension, die auch ein Menschenalter danach keine andere ist als die Kriegsverbrecherprozesse nach 1945. Juristisch betrachtet ist der Fall Demjanjuk mehr als eine Art Manifestierung eines Ausdrucks der demokratischen Welt, die NS-Verbrechen ächtet und verurteilt. Hitler-Deutschland wurde zwar nur ermöglicht durch kollektives Wegsehen, kollektives Mitlaufen, kollektives Mitmachen. Eine Kollektivschuld aber kennt die Justiz nicht, sondern nur die Schuld eines jeden Einzelnen. Diese Frage der Schuld hat der Rechtsstaat zu klären. Auch wenn der Beschuldigte 89 Jahre alt ist und krank.

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