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Südwest Presse: Kommentar zur Papstreise

    Ulm (ots) - Elf Mal hat Papst Benedikt XVI. bisher fremde Länder bereist, seine gestern begonnene Visite dürfte die bedeutendste und wohl auch heikelste Reise werden - zumindest, was die Tage in Israel betrifft. Das Heilige Land ist vermintes Terrain - politisch und religiös. Die vor 15 Jahren mit dem Austausch von Botschaftern begonnene Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und dem Vatikan ist mit Sicherheit eines nicht: normal. Und doch ist für beide Seiten das Gelingen dieser Reise extrem wichtig. Israel will mit Papst Benedikt sein ramponiertes Image aufpolieren. Der Gaza-Krieg ist noch nicht vergessen, ebenso wenig der Bomben- und Phosphorregen auf die dort eingesperrte palästinensische Bevölkerung. Bilder von verzweifelten Menschen und zerstörten Häusern sollen nun überblendet werden durch Aufnahmen des katholischen Kirchenoberhauptes am Felsendom und an der Klagemauer. Daran hat auch die neue rechtsgerichtete Regierung ein Interesse. Ihr schlägt in vielen Staaten große Skepsis entgegen. Aber auch Papst Benedikt kommt nicht unbeschadet. Die Affäre um den Holocaust-Leugner und Bischof der erzreaktionären Pius-Bruderschaft, Richard Williamson, hat dem Ansehen des Kirchenführers in der jüdischen Welt geschadet. Ebenso die Wiederzulassung einer modifizierten Karfreitagsfürbitte, mit der in manchen Gotteshäusern um die Erleuchtung der Juden gebetet wird. Auch der Streit über die Deutung des Wirkens - oder Schweigens - von Papst Pius XII. (1876-1958), dem die Juden Versagen während des Holocaust vorwerfen, trägt nicht zur Entspannung bei. Und als ob dieser mit Konflikten reich gefüllte Reiserucksack nicht schon schwer genug wöge, liegen auch im Heiligen Land gewichtige Problem-Brocken auf dem Weg. Die Lage der dort noch verbliebenen rund 170 000 arabischen Christen ist verzweifelt. Als Minderheit der Minderheit stehen sie unter mehrfachem Druck. Wie die muslimischen Palästinenser kämpfen sie in den abgeriegelten Gebieten einen zunehmend aussichtslosen Kampf um ein menschenwürdiges Leben. Sie werden dabei aber auch noch von ihren unter Druck stehenden Nachbarn argwöhnisch beäugt. Israel verdächtigt arabische Christen eines unlösbaren Loyalitätskonflikts - und setzt auf deren Kapitulation. Immer mehr ziehen weg. Das Heilige Land mit den wichtigsten Stätten der Christenheit droht zu einem religiösen Museum zu werden, das verlassen worden ist von seiner ursprünglich dort lebenden Bevölkerung. Auch dagegen wehrt sich der Heilige Stuhl. Er wolle ein Signal geben für die bedrängte Minderheit, sagte Benedikt kurz vor seiner Abreise. Ermutigung haben die arabischen Christen nötig - und konkrete Hilfe. Beispielsweise in Form von Schulen und Hospitälern, wie sie die Kirche dort betreibt. Die Grundlagen für diese Tätigkeiten sind geregelt, es fehlt an der Umsetzung. Israel blockiert. Dass die dortige Regierung von der vertraglich zugesicherten Gleichbehandlung von Schulen oder sozialen Einrichtungen mit jüdischen Stätten nichts mehr wissen will, belastet das Verhältnis zum Vatikan. Ebenso die Visapolitik des Staates. Um in den durch hunderte Checkpoints und die gewaltige Mauer abgetrennten Gebiete Menschen taufen oder beerdigen zu können, brauchen Geistliche und Laien eine Reiseerlaubnis. Ihre Gewährung wird mehr und mehr zum Gnadenakt der israelischen Behörden. Für die Christen in der Region könnte das zu einer Frage des Überlebens werden. Es geht bei der Reise des Papstes nicht nur um die Deutung der Vergangenheit. Für die Christen im Heiligen Land und die katholische Kirche liegt auch ein gutes Stück Zukunft in der Waagschale.

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