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Südwest Presse: Kommentar zum Arbeitsrecht

    Ulm (ots) - 1,30 Euro auf Abwegen - und die fristlose Kündigung einer Kassiererin ist rechtens. Der Betrachter ist entsetzt, und Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) findet zwei harte Worte: barbarisch und asozial. Dass deshalb sein Rücktritt gefordert wird, legt nahe, dass das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg mehr zu entscheiden hatte als einen banalen Streit um Rechte und Pflichten am Arbeitsplatz. Denn formaljuristisch lässt sich ohne weiteres argumentieren: Die Arbeit an der Kasse setzt besonderes Vertrauen voraus, das ist beschädigt, die Kündigung die logische Folge - egal, wie klein die unterschlagene Summe sein mag. Und: Thierse soll sich gefälligst raushalten und die Politik die Unabhängigkeit der Justiz respektieren. Vordergründig ist beides richtig, doch so einfach liegen die Dinge nicht. Die Kassiererin war Gewerkschafterin, hatte als angeblich letzte Kollegin ihrer Filiale gestreikt. Wäre ihr gekündigt worden, wenn sie sich angepasst und unauffällig verhalten hätte? War das Recht nur der Hebel, um eine unbotmäßige Angestellte zu disziplinieren - womöglich als Signal für den Rest der Belegschaft? Für Zweifel und Verdächtigungen bietet der Fall reichlich Stoff. Während versagenden Managern Millionen hinterhergeworfen werden, verliert eine altgediente Mitarbeiterin wegen einer Bagatelltat ihre Existenz. In der öffentlichen Wahrnehmung steht sie stellvertretend für die Opfer einer Willkür, die die Kleinen hängt und die Großen laufen lässt. Diese Sicht ist zwar ebenso übertrieben wie die Aufregung über Thierses spontane Urteilsschelte. Doch beides zeigt, wie aufgeheizt das soziale Klima in diesen Zeiten ist.

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