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Südwest Presse: Kommentar zum Tod von Adolf Merckle

    Ulm (ots) - Adolf Merckle ist zu Grabe getragen worden. Mit ihm verliert seine Familie große Teile der Unternehmensgruppe, die er aufgebaut hat. Viele Menschen können das tragische Ende des Firmenpatriarchen nicht verstehen. Sie fragen sich: Warum nimmt ein immer noch reicher Mann sich das Leben, obwohl die Rettung seiner Unternehmen kurz bevorstand? In der Tat haben die Unternehmen Ratiopharm, Heidelberg Cement, Phoenix und Kässbohrer Geländefahrzeug eine Zukunft, weil sie an neue Investoren verkauft werden. Dafür sorgen die Banken, die Zug um Zug auf das Merckle-Firmenreich zugreifen werden, um ihre Forderungen einzutreiben. Bei manchen Kreditinstituten war guter Wille auszumachen, der Ulmer Unternehmerfamilie aus ihrer Finanznot zu helfen. Andere Banken, ohne Regionalbewusstsein und selbst in großen Schwierigkeiten, blieben reserviert und waren eher Ursache des Problems als Teil der Lösung. Merckle bekam zu spüren, wie harsch die Tonart der Banken wird, wenn Unternehmen mit zu wenig Eigenkapital in Schwierigkeiten kommen. Dass dies auch einmal einem der führenden deutschen Unternehmer, Adolf Merckle, passieren würde, hätte allerdings niemand für möglich gehalten. Doch mit dem Platzen der Immobilienblase in den USA und dem Absturz von Konjunktur und Börsen stellten sich viele Erfahrungen als wertlos heraus. In der Finanzkrise verkehrte sich Merckles jahrzehntelange Erfolgsstrategie der kreditfinanzierten Expansion ins Gegenteil. Damit agierte er zwar in ähnlicher Weise wie die als Heuschrecken betitelten Finanzinvestoren, aber im Gegensatz zu ihnen zerschlug er nie ein Unternehmen, um die Rendite zu erhöhen. Merckle war ein sozialer Arbeitgeber, beließ in seinen Firmen die Gewinne, um sie für den Wettbewerb zu rüsten, und steigerte ihren Wert - bis zur Finanzkrise. Nun rächte sich, dass Adolf Merckle sein Firmengebilde wie ein Steuersparmodell optimiert hatte. Dem Geflecht aus mehr als 100 Firmen fehlt es an Übersichtlichkeit und an einer klaren Führungsstruktur. Die im März 2008 angekündigte Neuausrichtung der Gruppe unter einer Dachgesellschaft stand nur auf dem Papier. Zudem pflegten Adolf Merckle und sein enger Vertrauter Bernd Scheifele einen personengebundenen Führungsstil. Doch dafür war das Firmenkonglomerat zu groß geworden. In welche Schieflage es durch die teure Übernahme des britischen Baustoffkonzerns Hanson durch Heidelcement wirklich gekommen war, wollte die Familie lange Zeit nicht wahrhaben. Als der 74-Jährige, der sich in hohem Maße mit seinem unternehmerischen Schaffen identifizierte, erkannte, dass sein Lebenswerk von den Banken zerschlagen wird und er dabei ohnmächtig zuschauen muss, empfand er dies wohl als persönliches Scheitern, und sah daher in seinem Leben keinen Sinn mehr. In dieser Tragödie gaben viele Medien ein schlechtes Bild ab. So sehr sie Merckle in all den Jahren zuvor gewürdigt hatten, so sehr weideten sich nun viele an seinem Niedergang, entwarfen ein Zerrbild seiner Persönlichkeit, übergossen den gefallenen Milliardär mit Häme und Schadenfreude. Dabei zeigte sich, welch gespaltenes Verhältnis unsere Gesellschaft zu erfolgreichen Unternehmern hat. Weitgehend verdrängt wird dabei eines: Wirtschaftlicher Erfolg und Wohlstand sind eng damit verbunden, dass Unternehmer Risiken eingehen. Das birgt aber auch die Gefahr des Scheiterns in sich. In den USA bekommen solche Menschen eine zweite Chance, weil man ihnen zugesteht, aus Fehlern zu lernen. In Deutschland ist das leider nicht der Fall. Hier muss sich nicht der Vorsichtige rechtfertigen, der nichts unternimmt, sondern der Mutige, der scheitert.

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