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Südwest Presse: Kommentar zum Metall-Tarifabschluss

Ulm (ots) - Inmitten mehrerer wirtschaftlicher Krisen haben die Tarifpartner der Metall- und Elektroindustrie im Pilotbezirk Baden-Württemberg ihre Chance genutzt. In allerletzter Minute vor dem bereits heraufbeschworenen Streikszenario brachten sie die gefährlich zugespitzte Auseinandersetzung um höhere Löhne und Gehälter friedlich zu Ende. Das ist schon ein kleines Kunststück und beweist zugleich, dass die Sozialpartner trotz allem öffentlich zur Schau gestellten rituellen Gehabe ihrer Verantwortung gerechtwerden können. Wie sehr die erzielte Einigung an einem seidenen Faden hing, mag man daran erkennen, wie heftig und wie lange seit Dienstag Nachmittag bei der Verhandlungsrunde in Sindelfingen gerungen worden ist. Mehrfach wurde kolportiert, dass die Verhandlungen noch platzen könnten. Es war wie ein Showdown. An dessen Ende steht ein Kompromiss, der formal beide Seiten das Gesicht wahren lässt. Ob der Abschluss die Erwartungen der Mitglieder der Gewerkschaft zufrieden stellt, die in den vergangenen Tagen für die hohe Forderung von acht Prozent mehr Geld deutschlandweit auf die Straßen gingen, sei dahingestellt. Sie und die IG Metall sollten sich aber nichts vormachen. Der Hebel, an dem die Arbeitgeber saßen, wurde zusehends länger. Mit jedem Tag, den der Streit länger gedauert hätte, wäre die Verhandlungsmacht der Gewerkschaft dahingeschmolzen. Krisenzeiten machen es ungleich schwerer, Tarifforderungen durchzusetzen. Weil das so ist, war es unvernünftig, dass sich die IG Metall trotz des sich bereits im Sommer abzeichnenden Konjunktureinbruchs zu einer derart hohen Forderung hat hinreißen lassen. Das Desaster auf den Finanzmärkten tat dann sein Übriges und verstärkte die Krise derart, dass sich inzwischen Rezessionsängste breitmachten und die konjunkturellen Aussichten radikal verschlechterten. Das waren die Fakten, an denen bei den Verhandlungen schließlich niemand mehr vorbeigekommen ist und weswegen ein großer unbefristeter Streik nicht mehr vermittelbar gewesen wäre. Kommt hinzu, dass sich in der mit 3,6 Millionen Beschäftigten größten deutschen Industriebranche die schlechten Nachrichten mehrten. Allen voran die Automobilindustrie meldete drastische Absatzeinbußen, die wiederum die Zuliefererbetriebe mit sich rissen. Bei Opel beispielsweise standen die Bänder drei Wochen still, Daimler schickt die Mitarbeiter in verlängerte Weihnachtsferien, Zulieferer Bosch meldete Kurzarbeit an - alles Betriebe, deren organisierte Belegschaft in der Vergangenheit die Durchsetzungskraft der IG Metall garantierten. Natürlich hat Gewerkschaftschef Berthold Huber diese Entwicklung registriert. Nicht umsonst hat er am Wochenende Entgegenkommen signalisiert, über längere Laufzeiten gesprochen und über "Atmungsmöglichkeiten" für jene Betriebe, die in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, um im Gegenzug eine größtmögliche Lohnzahl für sich reklamieren zu können. Verglichen mit der Forderung wirkt sie im Ergebnis nun eher bescheiden. Doch sollten auch jene, denen diese Zahl zu niedrig ist, das Ergebnis in den Gesamtzusammenhang stellen. Das Paket enthält nahezu alle möglichen Komponenten: für die Beschäftigten Einmalzahlungen als Teilhabe an den zurückliegenden guten Betriebsergebnissen und ein verglichen mit einem theoretisch höheren strukturellen Lohnabschluss mutmaßlich geringeres Arbeitsplatzrisiko; für die Unternehmen Planungssicherheit dank langer Tariflaufzeit sowie ein hohes Maß an Beweglichkeit durch eine nicht zu gering erachtende Öffnungsklausel. Die Tarifpartner haben alle Register gezogen - inmitten der Krise. Pressekontakt: Südwest Presse Lothar Tolks Telefon: 0731/156218 Original-Content von: Südwest Presse, übermittelt durch news aktuell

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