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Südwest Presse: Kommentar zum Bildungsgipfel

    Ulm (ots) - Die Kanzlerin sagt es nicht selbst. Sie lässt es sagen: Viel entscheidender als alles Geld für die Bildung seien gute Lehrer. Diese Weisheit streut Kanzleramtschef Thomas de Maizière derzeit unters Volk, das staunend zur Kenntnis nimmt, mit welchen Summen die Politik in Berlin seit neuestem zu jonglieren weiß. Man ahnt, worauf die Öffentlichkeit, worauf Schulen, Wirtschaft und Eltern eingestimmt werden sollen. Die Erwartungen, die Angela Merkel mit der Ankündigung geweckt hat, Bildung zur Chefsache zu machen, dürften sich heute auf dem Bildungsgipfel kaum erfüllen. Die gerne zitierte nationale Kraftanstrengung droht zu scheitern, weil zum einen Bund und Länder wie ungezogene Schüler auf dem Pausenhof herumrangeln. Nur vordergründig geht es darum, wer an welcher Stelle den Anführer spielen darf. Hauptmotiv sind Eitelkeiten und Eifersüchteleien: Nicht einmal die CDU-Ministerpräsidenten gönnen der Kanzlerin einen Erfolg. Zum anderen deutet herzlich wenig darauf hin, dass man künftig klotzt statt kleckert. Es wird herumgetrickst. Zehn Milliarden Euro verspricht Merkel für die nächsten Jahre, darin enthalten sind die sechs Milliarden der Bildungsministerin Schavan. Ein großer Teil der Mittel ist seit langem angekündigt und verplant. Das alles ist zu wenig. Die Kultusminister wiederum stehen unter dem Druck der Länderfinanzchefs. Sie beabsichtigen, einen Gutteil des Geldes, das durch sinkende Schülerzahlen frei wird, nicht für Bildung, sondern für Lehrerpensionen auszugeben. Man fordert mehr vom Bund, ohne sich diktieren lassen zu wollen, was man damit macht - und ob man es überhaupt in Bildung steckt. Vieles ließe sich halbwegs ertragen, wäre unser Bildungssystem im internationalen Vergleich nicht nur müdes Mittelmaß und investierten andere Staaten nicht kräftig in ihre Kindergärten, Schulen und Hochschulen. Die hiesige Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners ist so skandalös, weil die Mängel seit Jahren sichtbar sind. Alle leiden darunter - Schüler, Lehrer, Eltern, Wirtschaft und Gesellschaft. Steigen wir in die Niederungen des Alltags hinab: verdreckte Klassenzimmer, die seit Jahren auf einen frischen Anstrich warten; stinkende Schultoiletten, die zuletzt in den 70er Jahren renoviert worden sind; Reagenzgläser, Zeichenmaterial und Übungsbücher, die im Prinzip vom Schulträger, in Wirklichkeit aber von den Eltern finanziert werden müssen; Unterrichtsausfall landauf, landab; keine oder nur dürftige Förderangebote. Und schließlich die groß angekündigte Hausaufgabenbetreuung für die gestressten G8-Kinder - bewerkstelligt von älteren Schülern, beaufsichtigt von nur einem Lehrer. So sehen Billiglösungen aus, selbst in Baden-Württemberg, das sich gerne als Musterland präsentiert. Man mag hier etwas mehr ausgeben als anderswo (man hat ja auch mehr), Spitze ist man deshalb noch lange nicht. Im übrigen: Wie lange sollen Bildungschancen noch davon abhängen, in welchem Bundesland ein Kind aufwächst? Nach der Schule ist der K(r)ampf noch nicht zu Ende. Obwohl in fünf Jahren, so Experten, 500 000 Akademiker fehlen werden, legt man die Hürden möglichst hoch. Um die viel zu knappen Studienplätze gibt es ein Hauen und Stechen. Gleichzeitig leistet man sich Studiengebühren, die Tausende abschrecken. Auch ganz unten, wo Eltern ihre Kinder nicht fördern, sortiert man weiter fleißig aus. Der Gipfel wollte ebenfalls eine Antwort darauf geben, wie schwache Schüler unterstützt werden können. Doch auch das ist nur gegen harte Währung zu haben - und wird wohl Absichtserklärung bleiben. Gute Lehrer braucht das Land, wohl wahr. Kaum zu glauben, dass man sich um diesen Job nicht reißt.

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Lothar Tolks
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