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Südwest Presse: Kommentar zur Finanzkrise

    Ulm (ots) - Wenn alle gleichzeitig zum Ausgang drängen, kommt keiner mehr hinaus. Es gibt viele Regelsysteme, die bei Panik-Reaktionen zusammenbrechen. Der Banken- und Kapitalmarkt zählt zuvorderst dazu. Kein bildhafter Vergleich, sondern Tatsache ist: Wenn morgen alle Bundesbürger all ihr Geld abheben wollten, wäre jede Bank bankrott. Dies allein erklärt den ebenso beispiellosen wie selbstverständlichen Vorgang am späten Sonntagabend. Da betonen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück, von keiner Debatte zuvor und keinem Kabinettsbeschluss gestützt, dass jeder Euro, der auf Deutschlands Sparkonten angelegt ist, sicher ist. Die Zusage fällt nicht schwer. Denn wenn Spargroschen verloren gingen, herrschte keine Bankenkrise mehr, sondern der wirtschaftliche Super-Gau, den die Welt zuletzt vor 80 Jahren erlebt hat. Dies zu verhindern ist erste Pflicht jeder Politik. Die Garantie-Erklärung ist nur eine Maßnahme, Vertrauen zu schaffen. Nichts ist im Moment wichtiger, nichts aber auch schwieriger. Der Bürger unterscheidet nicht zwischen einer US-Investmentbank und seiner Sparkasse, nicht zwischen einem Sparbrief und einem Garantie-Zertifikat (wenngleich er auch ein solches gekauft hat); für ihn sind die Bürgschaften, die der Staat der Hypo Real Estate (HRE) in Aussicht stellt, einfach nur unvorstellbar hohe Summen an Steuergeldern, die ihm zusammen mit den üblichen Übertreibungen einer Mediengesellschaft den Eindruck vermitteln: Mein Geld geht verloren, ich muss noch sichern, was zu sichern ist. Die Spareinlagen sind sicher - diese Prognose trifft garantiert mehr zu als Blüms Wort von der Rente. Man braucht Politikern vieles nicht glauben, auf Steinbrücks Versprechen aber kann der Sparer bauen. Dies ist die beste Botschaft im Banken-Desaster. Sie wird dazu beitragen, dass die Bürger genau das nicht tun werden, was die Profis gerade tun: Sie reagieren panisch. Die milliardenschweren Wertberichtigungen in den Bankbilanzen hängen eng damit zusammen, dass sich die Banken selber nicht mehr über den Weg trauten. Wo aber kein Käufer von Aktien oder Anleihen mehr auftritt, fällt der Kurs, also der Wert des Produkts ins Bodenlose. Auch hier zeigen sich die fatale Folgen eines Herdentriebs. Nicht jetzt, aber später wird die Schuldfrage ebenso beantwortet werden müssen wie die Systemfrage: Welche Regeln müssen am internationalen Kapitalmarkt eingeführt werden, welche Sicherheitsschalter eingebaut werden, damit sich ein solcher Domino-Effekt in diesem Ausmaß nicht mehr wiederholen kann. Vor üblichem Lager-Denken und Schuldzuweisungen sei dabei gewarnt. Die Bankenkrise ist gewiss ein Ausdruck eklatanten Manager-Versagens; und dass Köpfe im HRE-Management rollen müssen, steht außer Frage. Die Krise ist aber mehr als dies. Am Verkauf von Hypotheken an Leute, die sich kein Haus leisten konnten, haben nicht nur die Banken verdient. Profitiert haben ebenso Häuslebauer, Unternehmen und nicht zuletzt der Staat über die Steuereinnahmen aus einer florierenden Konjunktur. Die Finanzmarktkrise hat bereits die USA in einem Maße verändert, wie sich das zuletzt niemand hatte vorstellen können. Das wird in der Dimension in Deutschland nicht der Fall und auch nicht nötig sein. Und doch sind auch hier einige Felder abzuarbeiten. Allen voran stellt sich die Frage, wozu das öffentlich-rechtliche Lager sieben Landesbanken braucht. Auch die Hypo Real Estate wird auf lange Sicht in der jetzigen Form nicht bestehen bleiben. Jetzt aber ist das Feuer schleunigst zu löschen, die Aufräumarbeiten können noch warten. Die deutsche Bankenlandschaft bleibt eine Baustelle.

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