Südwest Presse

Südwest Presse: Leitartikel zu Terrorismus, Ausgabe vom 27.09.2008

    Ulm (ots) - Kaum vier Wochen ist es her, dass die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe Anfang September Anklage gegen die so genannte Sauerlandgruppe erhoben hat. Jene drei jungen Männer aus Ulm und dem Saarland, die im vergangenen Jahr in Deutschland verheerende Bombenanschläge auf amerikanische Einrichtungen geplant hatten und nur eines erreichen wollten: möglichst viele Menschen zu töten. "Die Deutschen kriegen eine auf die Fresse", soll Daniel Schneider aus dem Trio kurz vor seiner Verhaftung gesagt haben. Jetzt spielt der Saarländer in den aktuellen Terrorfahndungen wieder eine Rolle. Am Donnerstag hat das Bundeskriminalamt (BKA) eine öffentliche Fahndung nach Eric Breininger aus dem direkten Umfeld der Sauerlandgruppe eingeleitet, der erst vor Tagen per Videobotschaft einen Selbstmordanschlag in Deutschland angekündigt hat. Zufall? Oder eine Häufung, die Grund zur Besorgnis gibt? Weder das eine noch das andere - so martialisch sich die Botschaft des selbst ernannten Märtyrers im Kampfanzug auch anhören mag. Die allgemeine Gefahrenlage hat sich nicht verändert. Das BKA bleibt bei seiner Sprachregelung der abstrakten Gefahr und hat ebenso wie Innenminister Wolfgang Schäuble "keine Hinweise auf konkrete Anschlagsvorbereitungen". So abstrakt die Terrorgefahr sein mag, sie zu leugnen wäre töricht, sie zu einer allfälligen Gefahr hochzustilisieren unseriös. Die Vorstellung, dass es irgendwo auf der Welt eine Zentrale des Bösen gibt, die nur ihren Schlund zu öffnen braucht, um ihre Kampfmaschinen loszuschicken, ist ebenso naiv wie der Glaube, sie mit Bomben auslöschen zu können. Es sind vielmehr andere Zusammenhänge, die Sorgen bereiten und die ganze Aufmerksamkeit erfordern: Deutsche Konvertiten, die scheinbar willfährig zu allem bereit sind, vor allem dazu, den Bombenterror in ihr Heimatland zu tragen. Wenn es den einen islamistischen Terror überhaupt je gegeben hat, so hat er schon lange sein Gesicht verändert. Vor einem Jahr waren es Fritz Gelowicz und Daniel Schneider, jetzt ist es Eric Breininger - es ist kein Zufall, dass die größte Bedrohung Deutschlands von Deutschen ausgeht. Von jungen Männern mithin, die vergleichbare Biographien aufweisen, ein schwach ausgeprägtes Selbstwertgefühl haben, aus schwierigen Familienverhältnissen kommen und leicht zu beeinflussen sind. Es ist auch kein Zufall, dass leicht zu manipulierende junge Menschen erst zum Islam konvertieren, dann in einschlägigen Kreisen radikalisiert werden und über Ägypten den imaginären Trampelpfad des Dschihad in die pakistanisch-afghanische Grenzregion antreten. Dahinter steckt die Idee, den Krieg der "Koalition der Willigen" am Hindukusch zu internationalisieren und mitten in die deutsche Bevölkerung zu tragen. Die Frage ist nur, woher kommt der Hass, der junge Männer dazu bewegt, alles aufzugeben, sogar das eigene Leben? Die Frage steht im Zentrum der Terrorbekämpfung. Solange es keine Antwort darauf gibt, wird die Gefahr weiterhin abstrakt bleiben. Dass sie zumindest in einigen, wie den jetzt bekannt gewordenen Fällen, konkret wurde, Gesichter und Namen bekam, ist ein Verdienst der Sicherheitsbehörden. Denen gelingt es seit Jahren, ganz unaufgeregt mit dem existierenden Instrumentarium jede Gefahr abzuwenden, die sich bislang aufgetan hat. Das ist nicht zuletzt ein Beleg dafür, dass die Bundesrepublik im Kampf gegen den Terrorismus gut aufgestellt ist. Und auch dafür, in welch krassem Unverhältnis die immer wieder geforderten Gesetzesverschärfungen und Beschränkungen der Bürgerrechte zur Gefahrenanalyse stehen. Je mehr Freiheiten der Staat aber aufgibt, umso mehr geht das infame Konzept der Terroristen auf.

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