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Südwest Presse: LEITARTIKEL · SIEMENS Gnadenlose Abrechnung

    Ulm (ots) - Es ist ein einmaliger Vorgang in der deutschen Wirtschaftsgeschichte, dass ein Unternehmen seine früheren Vorstände auf Schadenersatz vor den Kadi zerrt. Es ist auch das Ende der einstigen Deutschland AG, das die neue Führungs- und Kontrollspitze bei Siemens mit ihrer Klage einläutet. Denn abgesehen von den sich auflösenden oder bereits aufgelösten kapitalrechtlichen Verflechtungen zwischen großen Konzernen galt es zumindest bei vielen börsennotierten deutschen Gesellschaften bislang als normal, dass die Vorgänger die Aufsicht über ihre Nachfolger übernehmen und damit ihre eigenen, zumeist lange wirkenden Beschlüsse kontrollieren. Diese Form der Ämterteilung wird der Vergangenheit angehören müssen, um nicht den Eindruck zu nähren, hier werde gemauschelt und vertuscht. Eben diesem Verdacht sehen sich die früheren Siemens-Vorstände ausgesetzt. Ehrenwerte Manager, die jetzt viel tiefer fallen als sie je auf ihrer Karriereleiter gestiegen sind, da gegen sie prozessiert und teilweise auch staatsanwaltschaftlich ermittelt wird, da ihnen nicht nur Strafen drohen, sondern auch Anerkennung entzogen wird und sie gesellschaftlicher Ächtung ausgesetzt sind - ohne dass ihre Schuld bereits erwiesen wäre. Dies muss insbesondere Heinrich von Pierer treffen, den Ex-Vorstandschef und "Mr. Siemens", der für sein Unternehmen lebte und bestens von ihm lebte, der gern gesehener Begleiter auf vielen Politiker-Reisen war, seit ein paar Monaten aber gar nicht mehr gern in politischen Kreisen gesehen wird. Dass ein Mann mit seiner unternehmerischen Laufbahn "bestürzt" ist über die Vorwürfe, lässt sich leicht nachvollziehen. Von Pierer kann nicht verstehen, dass er sich schuldig gemacht haben soll, da er doch nicht in die eigene Tasche gewirtschaftet hat und - wie er sagt - von nichts gewusst haben will. Aber gerade Letzteres muss er sich vorwerfen lassen: Dass er eben nichts mitbekommen haben will von einem System, das nach heutigen Erkenntnissen in einem Jahrzehnt rund 1,3 Milliarden Euro an Schmiergeldern unter die Auftraggeber gebracht hat. Angesichts dieser Größenordnung, angesichts der vom Münchner Landgericht festgestellten Systematik ist das nur schwer zu glauben. Und wenn in einem Unternehmen solche Dinge unbemerkt von der Führungsmannschaft geschehen können, muss diese sich dann nicht erst recht den Vorwurf machen lassen, Pflichten verletzt zu haben? Etwa deshalb, weil beispielsweise Hinweisen auf Verfehlungen nicht intensiv genug nachgegangen und notwendige Kontrollmaßnahmen nicht rechtzeitig und nicht im erforderlichem Umfang installiert wurden. Ganz einfach wird es nicht, sich aus dieser Verantwortung zu stehlen, vor allen Dingen auch deshalb, weil die gesamte Managerriege in Deutschland - und auch von Pierer - ihre steigenden Gehälter immer wieder mit eben dieser wachsenden Bürde der Aufgabe begründeten, der sie sich zu stellen hätten. Beweist es, kann man ihnen jetzt nur zurufen. Das Unternehmen selbst wird sich durch diese Schadenersatzklage grundlegend verändern, weil sie einen rigorosen Bruch mit der Vergangenheit darstellt, der dazu führen muss, dass die Siemens-eigenen Verquastungen und Verästelungen zerschlagen werden. Da spielt es dann auch keine Rolle, dass die Klage bei weitem nicht so freiwillig ist, wie es scheinen mag. Denn vor allem der Druck der US-Börsenaufsicht, die von ihr in Aussicht gestellte Milliarden-Strafe und die Ankündigung von Siemens-Aktionären in den USA auf Klagen, sollte der frühere Vorstand nicht in Regress genommen werden, haben zu dieser gnadenlosen Abrechnung mit der Vergangenheit geführt.

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