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Südwest Presse: Leitartikel: Schulpolitik Lebhaft bis zum Schluss

    Ulm (ots) - Muss der Ravensburger Hauptschulrektor Rudolf Bosch einen Maulkorb oder gar um seinen Job fürchten? CDU-Landtagsfraktionschef Stefan Mappus hat dem kritischen Kopf mit dem Beamtenrecht gedroht und im Nachgang einen heftigen Koalitionskrach ausgelöst, weil er den FDP-Fraktionsvorsitzenden und Bosch-Verteidiger Ulrich Noll als "Outlaw" brandmarkte. Der CDU/FDP-Streit über den Vertreter der Hauptschulkritiker, die mit ihrer Forderung nach längerem gemeinsamen Lernen vieles angestoßen haben, zeigt vor allem eines: Man ist gereizt in Stuttgart, sehr gereizt. Wenn dem Schulleiter je etwas passieren würde, wären heftigste Proteste die Folge. Mappus' Drohung lässt tief blicken in die Geisteswelt eines strukturkonservativen Unions-Politikers. Die obrigkeitsstaatliche Reaktion passt ganz zu dem bisher gepflegten Denken auch in der Bildungspolitik: Kritik abperlen lassen, Probleme aussitzen, auf Altem beharren, Neues kleinhalten und notfalls mundtot machen. Gerade das kann man sich aber auf diesem Feld nicht mehr leisten. Die FDP sieht das weitaus klarer, wirft aber bislang völlig unkoordiniert mit einzelnen Forderungen um sich, die von der sechsjährigen Grundschulzeit bis zur Abschaffung der Hauptschulempfehlung in der vierten Klasse reichen. Das heute abgelaufene Schuljahr war bis zuletzt ein äußerst lebhaftes - mit all den Protesten und Debatten, die jetzt die eine halbe Milliarde Euro schwere "Bildungsoffensive" des Landes ausgelöst haben. Für den CDU-Kultusminister Helmut Rau war es ein Jahr der bitteren Lektionen. Er musste lernen, dass das "Weiter so" beim Zukunftsthema Bildung nicht mehr ausreicht. Ein ums andere Mal wurde Rau von der Realität eingeholt und erlebte, wie angeblich sichere Gewissheiten Stück um Stück zerbröckelten. Kritiker etwa stellte Rau stets reflexhaft in die Querulantenecke - ob Elternvertreter, die über zu volle Klassen und das überladene achtjährige Gymnasium klagten, oder Lehrer, die die Ungerechtigkeiten im System anprangerten. Die "Bildungsoffensive" soll nun vieles von dem beheben, was zuvor gar nicht als Problem erkannt worden war - die Klassen werden kleiner, die Ganztagesbetreuung ausgebaut, die Leistung der Hauptschullehrer, die versuchen, das beste aus der verfahrenen Situation zu machen, endlich finanziell anerkannt. Ohne den lange aufgestauten Verdruss und die Wut, die über verschiedene Demonstrationen und Unterschriftenlisten eine laute Stimme erhalten haben, würde es dieses Paket nicht geben. Heutzutage muss die Schule Aufgaben erfüllen, die sich ihr früher nicht gestellt haben und für die sie noch nicht gewappnet ist. Viele bildungsferne Eltern fördern ihre Kinder nicht - die Schule muss es nachholen. Ebenso sollte die Spitze mehr Unterstützung erhalten, denn der Arbeitsmarkt ruft nach jungen und bestausgebildeten Menschen. Die Schule ist auch dafür da, das gerät mehr und mehr in Vergessenheit, Kinder gut und breit und jenseits eines ganz bestimmten Zweckes zu bilden und zu mündigen und sozialen Menschen zu erziehen. All diese Aufgaben werden drängender. Das Bildungsprogramm ist ein Anfang, nun muss der schulpolitischen Landschaft neues Leben eingehaucht werden. Mit dem Geld lässt sich manches machen, die Hauptschule aber wird auf Dauer nicht zu retten sein. Auch ein Erfolg dieses Schuljahres ist, dass nicht nur über pädagogisches Kleinklein diskutiert wird, sondern über die große Frage, wie Kinder am besten lernen und wie alle die besten Chancen erhalten. Nach den Ferien und ausreichender Erholung für manch nervösen Politiker gilt es, auch in dieser Frage starre Strukturen aufzubrechen.

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