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NRZ: Ein Mann für die Geschichtsbücher - ein Kommentar von MANFRED LACHNIET

Essen (ots) - Die Weltgeschichte erinnert meist an Helmut Kohl, wenn es um das Erreichen der Deutschen Einheit geht. Mindestens die gleiche Ehre muss Hans-Dietrich Genscher zuteil werden. Er war es nämlich, der in Ost und West immer wieder verhandelte, Kontakte knüpfte und nachhakte. Es war Genscher, der früh den Wandel in der Politik der Sowjetunion erkannte. So etwas sehen nur Politiker, die weit über den Tellerrand blicken. Sein größter Moment war denn auch die Rede vom Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag. Dass die ausharrenden DDR-Bürger endlich ausreisen durften, war ein Satz für die Geschichtsbücher. "Auf den anderen zugehen" war Genschers Leitmotiv. Genau dies wünschen wir uns heute - angesichts des neu aufziehenden Kalten Krieges - von allen beteiligten Staatschefs und Außenpolitikern. Im Wissen, dass es keine einfachen Lösungen gibt, glaubte er an die Kraft des Immer-wieder-Versuchens und Durchhaltens. Vermutlich würde er jetzt wieder pausenlos in der Luft sein, reisen und verhandeln, damit es Frieden gibt; und keine Aufrüstung und Gewalt. Genauso wichtig war ihm das Projekt Europa. Dessen heutige Lage hat ihn bestürzt. Es spricht für sein enormes Engagement und seine politische Leidenschaft, dass er sich bis seinem gestrigen Tod für die Weltpolitik interessierte, beriet und sich einmischte. Kaum ein Außenstehender hat davon erfahren. Aber alle, die seinen Rat hören durften, sind ihm dankbar und sie vermissen ihn sehr. Unvergessen ist auch sein persönliches Auftreten. Der Mann mit dem gelben Pullunder strahlte Ruhe genauso aus wie Glaubwürdigkeit und Intelligenz. Was er sagte, hatte Hand und Fuß. Eigenschaften und Werte, die leider immer noch selten sind. Da darf Genscher gern als Vorbild wirken. Dass er 1982 die sozial-liberale Koalition aufkündigte und stattdessen lieber ein Bündnis mit der CDU/CSU einging - das haben ihm nicht nur viele Sozialdemokraten verübelt, sondern auch nicht wenige Liberale. Die Ära der Freidemokraten - zunächst mit Willy Brandt, dann mit Helmut Schmidt - zählt zu den prägendsten in der Geschichte der Bundesrepubik. Genscher hat hier am Aufstieg wie an der Beendigung eines Zeitabschnitts mitgewirkt. Ganz verabschieden konnte er sich aus der Politik nie. Just an diesem Wochenende wird Guido Westerwelle beerdigt, der von Genscher maßgeblich gefördert wurde. Seinen langjährigen Bundeskanzler Helmut Schmidt überlebte er nur wenige Monate. Wie er war er einer der wenigen deutschen Politiker von Weltruhm. Ein Mann für die Geschichtsbücher.

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