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NRZ: Glück, Wunder und Auftrag/20 Jahre Deutsche Einheit. Leitartikel von Chefredakteur Rüdiger Oppers

Essen (ots) - Die deutsche Einheit ist noch immer ein Wunder - und wie die meisten Wunder wird es verkannt. Was wir wie eine Selbstverständlichkeit mehr gelangweilt akzeptieren, als dankbar gestalten, ist ein historisches Ereignis, von dem noch zukünftige Generationen voller Staunen sprechen werden. Die Einheit ist ein Glück. Sie war aber weder Zufall noch zwangsläufiges Ereignis, sondern Ergebnis kluger Staatskunst und ihrer Protagonisten. Helmut Kohl hatte den "Wind of Change" gewittert, lange bevor er über die Grenze kam. Nachdem die friedliche Revolution der Ostdeutschen die Mauer zu Fall gebracht hatte, gab es die einmalige Chance zur Wiedervereinigung beider deutscher Staaten. Wiedervereinigung? Vor 21 Jahren klang das Schlagwort im Westen wie ein Echo aus einer längst versunkenen Welt. Doch in Leipzig und Dresden wurde daraus eine machtvolle Melodie von Millionen DDR Bürgern, die nicht nur die D-Mark begehrten, sondern einen neuen Staat mit Freiheit und Gerechtigkeit von Saarbrücken bis Görlitz. Helmut Kohl hat den millionenfachen Ruf der ostdeutschen Landsleute "Wir sind ein Volk" ernst genommen und ihn als persönliche Verpflichtung auf sich genommen. Deshalb sind diesem Bundeskanzler alle Deutschen zu Dank verpflichtet, ebenso wie Michail Gorbatschow und Präsident Bush. Profitiert hat davon der ganze Kontinent. Die Welt vor 20 Jahren war zweigeteilt zwischen Ost und West. Heute heißt die neue Internationale: "EU". Viele kommunistische Diktaturen von einst sind heute verlässliche Bündnispartner des "alten Westens", und selbst in Russland steht die Börse höher im Kurs als Marx und Lenin. So ist in der Folge der Deutschen Einheit die EU vor allem zu einer Union von Ost und West geworden. Damit hat sich die Einschätzung Konrad Adenauers - des ersten Wegbereiters des 3.10. - als wahr erwiesen, dass die deutsche und die europäische Einheit nur zwei Seiten einer Medaille seien. Wunderbar. Und wie ist die Stimmung im Land des Jubilars? Die Helden von einst sind ihres Sieges überdrüssig geworden. 20 Jahre nach der Einheit steht unser Land bestens da. Wir sind besser durch die Finanzkrise gekommen als andere europäische Staaten, und dennoch ist die Stimmung trübe. Eine führende Schweizer Zeitung hat anlässlich des Jubiläums die hiesigen Befindlichkeiten analysiert und uns eine fatale Lust an der "politischen Schweinegrippe" attestiert. Wolf Biermann, aller Wessi-Dünkel unverdächtig, bemerkte an seinen ostdeutschen Zeitgenossen einen Hang zum "breitärschigen Selbstmitleid". Schöne Provokation. Aber beide Beobachtungen sind nicht ganz falsch. Während wir bei unseren Nachbarn, die nach dem verheerenden Weltkrieg von Feinden zu Freunden wurden, erstmals mit Neid betrachtet werden - ein französischer Spitzenpolitiker mokierte sich gar über das deutsche Wirtschaftswachstum "á la Chinoise" -, stecken wir im Kulturkampf um Thilo Sarrazins steile Thesen und fürchten den Untergang des Abendlandes. Freude kommt allenfalls auf, wenn Lena singt oder Jogi siegt. Schland, oh Schland, wo ist dein Selbstbewusstsein geblieben? Nun war den Deutschen der Hamlet stets näher als der Sommernachtstraum, doch an diesem Feiertag dürfen wir mal raus aus unserer Haut und uns dankbar erinnern an die Euphorie in Ost und West, als der Traum von der Freiheit wahr wurde. Was wir daraus gemacht haben, ist weniger als die euphorisch beschworenen "Blühenden Landschaften", aber eine große gemeinsame Anstrengung ohne Beispiel. Dabei haben unsere Landsleute im Osten Veränderungen erlebt, die ihr Leben nicht nur positiv gewandelt haben. Wir im Westen sind vor allem Zahlmeister der Einheit. Heute, nach 20 Jahren "Aufbau Ost", ist es legitim zu fragen, ob marode Kommunen wie Oberhausen, Moers oder Duisburg, die ihren Bürgern eine Grundversorgung mit Schwimmbad und Theater nicht mehr gewährleisten können, weiterhin für die Stadtsanierung in Dessau oder Erfurt zur Kasse gebeten werden sollten. Damit die deutsche Einheit uns alle mit Stolz erfüllt, muss dieser kritische Dialog geführt werden. Am Anfang der Einheit stand Konrad Adenauer, ins Werk gesetzt hat sie Helmut Kohl. Aber wir, die Bürger, müssen sie leben.

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