Schmerzmedizin: Mit Vollgas zurück
Frankfurt/Main (ots) - Der morgen beginnende Deutsche Schmerztag 2005 in Frankfurt - mit über 2000 Teilnehmern der größte Fachkongress dieser Art in Deutschland - wird in diesem Jahr überschattet von Entwicklungen, die Schmerzmedizinern und Patienten gleichermaßen große Sorge bereiten: Geschieht nichts, wird es ab April 2005 für Millionen von Menschen, die unter chronischen Schmerzen leiden, keine qualifizierte Schmerztherapie mehr geben.
Am 28. Februar fand bundesweit in zahlreichen Städten ein Aktionstag in Sachen Schmerzmedizin statt. Schmerzärzte und Patienten sammelten Unterschriften, gingen sogar auf die Straße und protestierten gegen die neuen Leistungsverzeichnisse für gesetzlich Versicherte, den so genannten EBM 2000plus.
Der Grund: Diagnose- und Therapieverfahren, die Schmerzpatienten benötigen, sind nicht enthalten. Darüber hinaus wurden von der so genannten Selbstverwaltung, den Spitzenverbänden der Krankenkassen und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, zahlreiche ärztliche Leistungen gebündelt und gleichzeitig die Vergütung dafür abgesenkt. Damit nicht genug, wurde die Therapie bei einem Spezialisten auf zwei Jahre begrenzt - bei einer chronischen Erkrankung ein einmaliger Vorgang.
»Die Kassen fordern zwar eine Versorgung auf höchstem Niveau, sind aber nicht bereit, diese zu finanzieren«, kritisiert Dr. med. Gerhard Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie. »Die Vergütung deckt bei weitem nicht mehr den Aufwand, den wir in unseren spezialisierten Einrichtungen betreiben müssen und der auch - völlig zu Recht - gefordert wird.«
Schon heute fehlen spezialisierte Einrichtungen, in denen Patienten mit chronischen Schmerzen, die zu einem eigenständigen Krankheitsbild geworden sind, behandelt werden können. Nötig wären mindewstens 2000 Einrichtungen, doch tatsächlich vorhanden sind höchstens 400. Darum sind nur etwa 20 Prozent der Patienten angemessen versorgt. Wenn Schmerztherapeuten infolge der neuen Regelungen sich aus der Versorgung zurückziehen (müssen), wird der Versorgungsgrad weiter sinken - mit verheerenden Folgen für die Patienten. Denn andere Ärzte dürfen - mangels Qualifikation - qualifizierte und komplexe schmerztherapeutische Leistungen nicht zu Lasten der Krankenkassen erbringen.
Darum stehen in Frankfurt die Zeichen auf Sturm. »Es ist absurd«, so Müller-Schwefe, »dass unser Land in der Schmerzforschung international mit an der Spitze antritt, dass wir neue, wissenschaftlich begründete Konzepte für die Diagnostik und Therapie haben, dass wir Strategien haben, um die Chronifizierung von Schmerzen zu vermeiden oder um bestehende Chronifizierungen zu durchbrechen - und dass dann die Umsetzung all dessen in die Praxis an der Ignoranz von Gremien scheitert, in denen kein einziger Schmerzmediziner jemals auch nur gehört wurde, geschweige denn mitreden durfte.«
Die Schmerzspezialisten sind auf vielen Ebenen aktiv. Auf dem Schmerztag werden dazu noch weitere Entscheidungen fallen.
In Deutschland leiden etwa 15 Millionen Menschen an chronischen Schmerzen. Etwa zwei Millionen sind besonders schwer betroffen: Ihr Schmerz hat sich verselbstständigt und gilt als eigenständige Krankheit. Diese Patienten benötigen eine qualifizierte Behandlung in spezialisierten Zentren.
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