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WAZ: Selbstmord live. Kommentar von Thomas Mader

Essen (ots) - Der Selbstmord eines jungen Schweden vor laufender Webcam schockiert. Aber das Phänomen ist so alt wie das Internet. Zuletzt erregte ein Amerikaner 2008 weltweit Aufsehen, als er sich vor den Augen seiner Netzgemeinde vergiftete. Tatsächlich reagierte das Publikum hier genauso wie das in Schweden. Es gab dem Sterbenden zynische Kommentare mit auf den letzten Weg.

Wenn Inszenierung der Normalfall ist, fällt es eben schwer zu unterscheiden: Im Internet ist jeder ein kleiner Ich-Sender. Aber es ist auch das Medium selbst, das sich zwischen uns und das wahre Leben schiebt. E-Mails etwa pflegen oft einen Ton, als wenn am anderen Ende kein Mensch säße.

Doch nicht nur die Zuschauer, auch die Opfer/Täter/Regisseure folgen einem bestimmten Muster: Sie kündigen mit großer Geste an, hoffen, dass sie jemand stoppt. Darum müssen wir auch nicht voreilig nach mehr Kontrolle rufen. Wir wollen keinen Überwachungsstaat im Netz. Besser senkt man die Schwelle zu Hilfsangeboten - so wie es mit der Frühwarn-Hotline für Amokgefährdete geschehen soll. Zurzeit mühen sich die Angehörigen von Winnenden um eine Finanzierung - was offenbar schwer fällt. Es scheint, dass bisweilen auch die reale Welt dem Netz recht gleichgültig gegenüber steht.

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