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WAZ: Zum Jahrestag der Terroranschläge - Der 11. September und wir. Leitartikel von Achim Beer

Essen (ots) - Die Frage ist nun wirklich belanglos, aber gerade deshalb sei sie hier gestellt: Flog die zweite Maschine eine Rechts- oder eine Linkskurve, als sie in den Südturm des World Trade Centers krachte? Es ist erstaunlich, aber viele Menschen kennen die Antwort. Neun Jahre ist er nun her, dieser 11. September 2001. Bilder, die sich in unser Gedächtnis gegraben haben. Und ein Tag, der die Welt verändert hat.

In Afghanistan und im Irak stehen westliche Truppen, Aufständische bekämpfen sie erbittert. In Pakistan, im Jemen, in Somalia tobt der Guerilla-Krieg. Halb Amerika lehnt sich auf gegen eine einzige Moschee, und ein Pastor will dort Korane verbrennen. In England und Spanien gehen Bomben hoch, in Frankreich und Belgien erlassen sie Kleidervorschriften. Und wir?

Was haben wir seit den Anschlägen über innere Sicherheit diskutiert. Die Telefonverbindungen gespeichert, einen Trojaner installiert - auf einmal stand unsere Privatsphäre auf dem Spiel. Und die Menschenwürde, das wichtigste, auch: Denn die Luftwaffe sollte Passagiermaschinen abschießen.

Wo ist in diesen Jahren unser Pazifismus geblieben? Die Bundeswehr führt Krieg in Afghanistan. Es läuft nicht gut. Soldaten kommen um, Zivilisten auch. Man spricht wieder von "Gefallenen", ein Minister gefällt sich in Splitterschutzweste. Und um in Kriegseinsätzen künftig besser zu bestehen, schaffen wir gerade eine Berufsarmee.

Wie hat sich auch unser Blick auf Fremde verändert. Früher hießen sie "Gastarbeiter", in den Neunzigern sprach man von "Ausländern", heute dreht sich die ganze Debatte um "Muslime". Es zeigt, der Staat muss sein Verhältnis zur Religion neu klären: Dürfen Lehrerinnen Kopftuch tragen, gehört der Islamunterricht an die Schulen? Und ein Stadtrat legt fest, wie hoch Minarette sein dürfen.

Täuscht der Eindruck? Oder führen wir seit 2001 viel tiefere Diskussionen darüber, wie unser Gemeinwesen sein soll, was es tun muss und was es verlangen darf, als wir sie nach der Wiedervereinigung geführt haben? Wir tun es. Und das bleibt nicht ohne Folgen fürs Bewusstsein. Sie wissen, es war eine Linkskurve. Aber sagen Sie doch mal, wie viele Säulen das Brandenburger Tor hat.

Wer weiß, vielleicht wird man später einmal sagen, dass der 11. September die Gesellschaft der Bundesrepublik stärker verändert hat als ihr eigener glücklichster Tag. Und dann zum Guten oder Schlechten? Nun. Das Verfahren läuft. Wir haben es selbst in der Hand.

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