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WAZ: Neue Erkenntnisse - Sauerland gibt nicht auf. Leitartikel von Rolf Kiesendahl

Essen (ots) - Ein Mann liegt am Boden. Offene Feindseligkeit schlägt ihm entgegen. Seine Mitarbeiter fühlen sich im Stich gelassen, die Parteifreunde auf Bundesebene gehen auf Distanz. Selbst der Bundespräsident rät indirekt zum Rücktritt. Längst hat die öffentliche Meinung ihr Urteil gefällt: Zumindest politisch verantwortlich für den Tod von 21 Menschen. Symbol eines Politikers, der um jeden Preis an seinem Stuhl klebt.

Noch am Sonntagabend sah es so aus, als wolle Adolf Sauerland die Brocken hinwerfen, erschüttert über die Toten und Verletzten im Tunnel, weichgeklopft von Wut und Empörung im Lande, fast gehetzt von Teilen der Presse. Seit gestern sieht er offenbar wieder Chancen, im Amt zu bleiben. Ermuntert dadurch, dass der entscheidende Fehler, der zur Tragödie führte, womöglich der Polizei anzulasten ist. Es gibt Hinweise darauf. Nach der Sondersitzung morgen im Landtag wissen wir mehr. Seine Duisburger Parteifreunde wollen ihm jetzt beistehen. Die Angst vor dem Machtverlust ist groß.

Es gibt nichts zu beschönigen. Duisburg hätte diese Loveparade niemals veranstalten dürfen. Sie wurde durchgepaukt, gegen alle mahnenden Vorbehalte, mit Adolf Sauerland als oberstem Antreiber. Doch ihm nun zu unterstellen, leichtsinnig Menschenleben riskiert zu haben, nur um Ruhm für sich und seine Stadt zu ernten, ist infam. Mancher Vorwurf ging entschieden zu weit. Der 55-Jährige wollte den Duisburgern ein Erfolgserlebnis verschaffen und ist damit auf grausamste Weise gescheitert. Weil es unbestritten eine Reihe von Unstimmigkeiten bei der Planung und Genehmigung des Events gab, sollte er endlich zurücktreten. Den idealen Zeitpunkt hat er ohnehin verpasst. Geld darf dabei keine Rolle spielen. Der OB fällt nicht ins Bergfreie, wie vereinzelt berichtet wurde.

Die Toten von Duisburg sind bestattet, jetzt muss endlich aufgeklärt werden, ohne Ansehen der Person und ohne voreilige Schuldzuweisung. NRW-Innenminister Ralf Jäger und Rainer Wendt, der Chef der Polizeigewerkschaft, haben sich viel zu früh für ihre Beamten aus dem Fenster gehängt. Womöglich kommen gravierende Mängel bei Ausstattung und Kommunikation ans Licht. Eine weitere Belastung für die neue, aber auch für die abgelöste Landesregierung. Gewisse Zweifel weckt auch die Tatsache, dass die Abläufe im Rathaus von einer verwaltungsinternen Untersuchungsgruppe überprüft werden sollen. Es besteht die Gefahr von Abhängigkeiten. Den Opfern der Loveparade kann mit alledem nicht mehr geholfen werden. Aber es besteht die Chance, dass sich eine solche Tragödie nicht wiederholt.

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