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WAZ: Der neue Bundespräsident - Ein Makel für Merkel, nicht aber für Wulff. Leitartikel von Ulrich Reitz

Essen (ots) - Was ist ein Bundespräsident wert, der in der Bundesversammlung drei Wahlgänge brauchte, um ins Amt zu gelangen? Steht seine Präsidentschaft unter einer gewaltigen Hypothek, hat das Staatsoberhaupt ein Legitimations-Defizit?

Es ist ratsam, von der aktuellen Dramatik nicht auf die mittelfristigen Folgen für eine ganze Amtszeit zu schließen. Schon morgen ist gestern vergessen. Das lehrt jedenfalls der Blick in die bundesrepublikanische Geschichte. Und weshalb sollte es dieses Mal anders sein als früher?

Gustav Heinemann brauchte 1969 drei Wahlgänge, um Präsident zu werden. Das hinderte ihn später keineswegs daran, erfolgreich und anerkannt über Parteigrenzen hinweg sein Spitzenamt auszuüben. Der Sozialdemokrat Heinemann war der erste Bürger-Präsident.

Das gilt auch für Roman Herzog, der es 1994 ebenfalls erst im dritten Anlauf schaffte. Er ist als Ruck-Präsident in die Geschichte eingegangen. Seine Autorität hat nicht gelitten darunter, dass er nicht auf Anhieb eine Mehrheit der Bundesversammlung hinter sich brachte.

Auf eins kann man sich verlassen. Die Deutschen achten Institutionen. Diese vermitteln ihnen politisch-gesellschaftliche Stabilität. Der Bundespräsident ist eine solche, vielleicht die allererste Institution. Das Volk hat bislang noch jeden Bundespräsidenten geachtet und respektiert, völlig unabhängig von seiner Parteizugehörigkeit.

Und bislang hat auch noch jeder Bundespräsident am Ende vergessen, welcher Partei oder Koalition er letztendlich sein Amt verdankt. Bisweilen unbequem für den jeweiligen Kanzler waren, jeder auf seine Weise, fast alle Bundespräsidenten.

Vielleicht ist Christian Wulff nicht so inspirierend wie Joachim Gauck. Vielleicht ist sein politisches Leben stromlinienförmiger verlaufen. Ein westdeutsches Normal-Spitzenpolitiker-Leben halt. Geprägt von der langjährigen Zugehörigkeit zur CDU.

Aber jetzt fängt für ihn ein neuer Lebensabschnitt an. Es gelten neue Spielregeln. Und er wird für sich ein neues politisches Drehbuch schreiben. Immerhin zieht jetzt eine fröhliche, noch vergleichsweise junge Patchwork-Familie ein ins Schloss Bellevue. Wulffs intelligente, attraktive Frau Bettina wird ständig Bilder liefern für die Medien. Alles das fügt sich zu einer Premiere, die das ganze Land ein Stück weit verändern, modernisieren wird.

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