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WAZ: Zum 1. Mai - Faire Arbeit und fairer Lohn - Leitartikel von Rolf Potthoff

Essen (ots) - Wie viele Menschen werden es heute sein, die am "Tag der Arbeit" auf den Plätzen zusammenströmen, um den Gewerkschaftern Beifall zu zollen? Wohl noch genug, um die Erben der Arbeiterbewegung vor den neuen Propheten der Globalisierung nicht zu blamieren. Aber viel zu wenige werden es sein, um an die Goldenen Zeiten anzuknüpfen, in denen der Tag der Arbeit der "heilige" Tag der Arbeiterorganisation war. Denn im Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft schmolz das klassische Milieu nur so dahin. Die Atomisierung der Arbeitswelt hat Breschen in Gewerkschaftsreihen geschlagen; groß sind die Mitgliederverluste. Es scheint also so, als sei die soziale Frage durch sozialpolitische Errungenschaften seit langem gelöst. Und es stimmt ja, die Modernisierung der Gesellschaft und Arbeit hat vielen Menschen soziale, Bildungs- und Berufsvorteile gebracht. Doch nicht minder ist richtig: Sie hat zugleich neue Grundkonflikte und viel zu viele Verlierer geschaffen. Eben bei ihnen ist das staatspolitisch unabdingbare Grundvertrauen in eine gerechte Gesellschaftsordnung nachhaltig gestört. Und wann, wenn nicht erst recht an einem Tag der Arbeit, wäre daran zu erinnern: dass unzählige Billigstjobs zur Ernährung der Familie nicht reichen, und dass Fristarbeit jedwede Zukunftsplanung zum nervenzehrenden Vabanquespiel degradiert und den Wunsch nach Kindern vergällt. Anzuprangern wäre die verbreitete ehrabschneidende Pauschal-Diffamierung von Langzeitarbeitslosen, die sowohl faule als auch verzweifelt Job-suchende Frauen und Männer über einen Kamm schert. Es wäre auf die bis in die Mittelschichten reichende Angst um den Arbeitsplatz hinzuweisen, zeigen doch Beispiele wie Nokia, dass man über Nacht ohne Not einem Betrieb und damit x-Berufsschicksalen das Licht ausknipsen kann. Und es wäre das wuchernde Übel zu thematisieren, bei dem saturierte Finanzhasardeure durch staatsgefährdende Spekulation astronomische Summen kassieren und damit den Wert wirklicher Arbeit vernichten und die wahren staatstützenden Leistungsträger verhöhnen. Damit kein Missverständnis entsteht: An der Modernisierung von Arbeit und Gesellschaft führt kein Weg vorbei. Und es gibt keinen Grund, die Rote Fahne zu hissen. Doch es herrscht ein tiefes Verlangen nach Anerkennung und sozialer Sicherheit. Auf Sprache und Geist des 1. Mai übertragen gilt die uralte Losung aus den Anfängen der Arbeiterbewegung: "Faire Arbeit für fairen Lohn". Egal, wie viel heute zu den Kundgebungen kommen. Die Losung ist aktuell.

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