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WAZ: Prämie für Schulbesuch - Peitsche und Zuckerbrot - Leitartikel von Ulrich Schilling-Strack

    Essen (ots) - Es klingt erstmal interessant: 100 Euro Prämie für Eltern, die ihr Kind pünktlich zur Schule schicken! Letztlich ist das, was da in Oer-Erkenschwick geplant wird, aber ein Hilfeschrei: Die Zahl der Problemfamilien, das Ausmaß des Widerstands gegen die Eingliederung in unsere Gesellschaft sind dort offenbar so groß, dass man solch außergewöhnliche Wege geht.

      Unser Rechtsempfinden wird durch diesen Versuch kräftig gegen den
Strich gebürstet. Eine Prämie für das, was selbstverständlich sein
sollte? Was halten wohl die Eltern davon, die sich schon immer
aufopfernd um ihre Kinder kümmerten? Und die jetzt staunend
verfolgen, dass man Pluspunkte (und eine materielle Belohnung!)
bekommt, wenn man die Kinder weckt, die Elternsprechtage besucht oder
medizinische Vorsorgeuntersuchungen ernst nimmt. Pragmatisch mag er
sein, der Ansatz, fair erscheint er nicht.

      Lange hoffte man, es ginge auch anders. Die Schulverweigerung,
die nahtlos ins soziale Abseits mündet, wurde durch Strafen bekämpft.
Im Katalog stehen Bußgelder für säumige Eltern, regelmäßige Besuche
der Polizei, auch mal Gefängnis oder der Antrag, die Auszahlung des
Kindergeldes an den Schulbesuch zu knüpfen. Hat letztlich auch nicht
so richtig funktioniert, weil es eben äußerst schwierig ist, die
Zielgruppe überhaupt zu erreichen.

      Nach der Peitsche jetzt das Zuckerbrot. Auch nicht ganz neu
übrigens, dieser Ansatz. In Großbritannien werden Schwänzer bereits
seit längerem mit Geld in die Anstalt gelockt. Amerikanische Schulen
zahlen Sitzenbleibern sogar Prämien, wenn sie sich zum
Förderunterricht einfinden.

      Lösen wir so die Probleme? Es gibt begründete Zweifel. Nicht
zuletzt, weil es keinesfalls nur die Problemfamilien sind, aus denen
Kinder mit Schulproblemen stammen. Lustlosigkeit und Verweigerung
gibt es auch in anderen sozialen Schichten. Es liegt also nicht immer
nur am Geldbeutel der Eltern, wenn es mit dem Lernen nicht klappt -
und es liegt vor allem auch nicht immer nur am Staat.

      Den darf man natürlich nicht aus der Pflicht entlassen, einen
optimalen Rahmen für die Bildung zu liefern. Aber irgendwann ist
jeder dann selbst gefordert, die Angebote auch zu nutzen,
Verantwortung zu übernehmen, auch schon als Schüler. In diesem Fall:
sich verdammt noch mal auf den Hosenboden zu setzen und zu lernen.
Fürs Leben, nicht für die Schule! Ist alt der Spruch, zugegeben. Aber
ewig aktuell.

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