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WAZ: Lernen ohne Angst ist das Ziel - Pisa-Punkte sind nicht alles - Leitartikel von Sigrid Krause

    Essen (ots) - Ist Schule heute ein "Angstsystem", in dem schon Drittklässler davor zittern, einen Test zu versemmeln? Weil sie die Angst (der Eltern) quält, sie könnten dereinst das Abitur, den höchsten Schulabschluss, nicht schaffen? Oder ist Schule ein Raum, in dem sich Kinder und ihre Lehrkräfte ohne Furcht miteinander entfalten können? Voneinander lernen, miteinander wachsen?

      Letzteres sollte Schule sein. Denn Angst blockiert das Denken,
Furcht vor dem Versagen tötet jede Kreativität. Kinder, die nur
bimsen und "Papageien-Wissen" - blind Gelerntes, aber nicht
Verstandenes - reproduzieren, werden in der Zukunft scheitern. Wer
weiß heute, welche Anforderungen der weltweite Arbeitsmarkt in zehn,
zwanzig Jahren an junge Leute stellen wird?

      Die Schulen von heute müssen Kinder und Jugendliche darauf
vorbereiten. Müssen sie damit vertraut machen, dass es keine ewigen
Gewissheiten gibt. Dass es im Alltag immer wieder komplizierte
Aufgaben geben wird, für die es - möglichweise - eine ganze Reihe von
Lösungen gibt. Dass sie abwägen können: Welche ist die angemessene
für die aktuelle Situation?

      Eine schwere Aufgabe für Lehrerinnen und Lehrer von heute. Viele
stellen sich schon heute dieser enormen Verantwortung, bemühen sich
nach Kräften, "ihren" Kindern gerecht zu werden. Dass das aber längst
noch nicht flächendeckend funktioniert, hat auch die neue Pisa-Studie
wieder gezeigt: Der Anteil der Kinder, die durch den Rost des
deutschen Bildungswesens fallen, ist fast unverändert hoch. Dass
"Chancengerechtigkeit" für die Mehrzahl der Sorgenkinder von heute
eine Fiktion bleibt, darf niemanden kalt lassen.

      Sich über Fortschritte beim Lernen zu freuen, ist legitim. Die
kleinen Erfolge dürfen aber nicht dazu genutzt werden, sich elegant
über die düsteren Stellen im Test-bericht hinweg zu mogeln. Die
größte Schwachstelle - auch in unserem Land - liegt erneut offen
zutage: Wer jetzt nichts tut für die Mädchen und Jungen in den
Problemschulen des Landes, wird bestenfalls Mittelmaß bleiben. Seit
30 Jahren haben Politiker (fast) aller Parteien zu wenig dafür getan,
den Schwächsten zu helfen.

      Das muss sich ändern. Jede Schule muss ein schöner, angstfeier
Raum werden, in dem sich alle gern aufhalten. Die besten Lehrer
gehören dorthin, wo die schwierigsten Kinder lernen. Kein Kind darf
dafür beschämt und bestraft werden, dass seinen Eltern Bildungshunger
fremd ist. Das alles weiß man. Nur tun muss man es jetzt.

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