EKD Evangelische Kirche in Deutschland

"Fruchtbare Potentiale und beachtliche Herausforderung"/ EKD stellt fünfte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (V. KMU) vor

Hannover (ots) - Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat erste Ergebnisse der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (V. KMU) veröffentlicht.

Der Vorsitzende des Rates der EKD, Nikolaus Schneider, sagte anlässlich der Vorstellung der zusammenfassenden Publikation "Engagement und Indifferenz - Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis" am heutigen Donnerstag in Berlin, Kernanliegen der Untersuchung sei es, "ein möglichst realistisches und differenziertes Bild der sozialen Praxis von Kirchenmitgliedern zu gewinnen: Zum einen ist nüchtern zu konstatieren, dass eine zunehmende Indifferenz bei Kirchenmitgliedern in vielen Hinsichten zu Abschmelzungsprozessen führt. Zum anderen aber zeigen die Ergebnisse der Studie das vielfältige Engagement von Kirchenmitgliedern und damit eine Reihe von Potenzialen, die für zukünftige Entwicklungen der Kirche fruchtbar sein können", so Schneider weiter.

In diesem Zusammenhang hob der Ratsvorsitzende hervor, dass der Anteil evangelischer Kirchenmitglieder, die sich ihrer Kirche stark verbunden fühlen, steige. Schneider: "Drei von vier Evangelischen schließen laut unserer Untersuchung einen Austritt kategorisch aus." Damit sei die Bereitschaft zum Kirchenaustritt im Vergleich zu den Werten von 1992 und 2002 in allen Altersgruppen abermals deutlich gesunken.

Der Leiter des Institutes für Soziologie der Universität Münster, Detlef Pollack, unterstrich in einer ersten Analyse der Ergebnisse, dass die "wachsende religiös-kulturelle Pluralisierung" die evangelischen Christen herausfordere, ihre eigene religiöse Identität zu stärken, aber gleichzeitig anderen religiösen Gemeinschaften gegenüber tolerant zu sein. Dies sei durchaus der Fall, denn die V. KMU zeige, so Pollack: Die Offenheit gegenüber nichtchristlichen Religionen und das Vertrauen in Menschen mit einer nichtchristlichen religiösen Zugehörigkeit sind unter Evangelischen höher als unter Konfessionslosen"

Birgit Weyel, Professorin für praktische Theologie in Tübingen, erläuterte, dass die V. KMU stärker erforscht habe, wie sich Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis gestalte. Dabei zeige sich, dass die Beziehung zur Kirche nicht primär als ein 'mehr' oder 'weniger' an Verbundenheit, Beteiligung und Überzeugung verstanden werde, sondern als gelebte Praxis der Menschen, die diese als ihre je eigene Form von Mitgliedschaft gestalten. Weyel: "Viele unserer Fragen in der KMU zielen daher auf konkrete Anlässe und Gelegenheiten, in denen Menschen religiös und kirchlich handeln. Zum Beispiel: Wer geht mit wem gemeinsam in den Gottesdienst? Welche Gelegenheiten zum Austausch über religiöse Themen werden wahrgenommen? Durch welche biographischen Anlässe sind diese motiviert?" Dabei habe sich gezeigt, dass der private Bereich zentral sei. "Ehepartner und Lebenspartnerin, aber auch Freunde sind die wichtigsten Gesprächspartner über religiöse Themen. Der Austausch erfolgt vor allem unter 'Wahlverwandten', also Menschen, die sich einander sehr verbunden fühlen und sich wechselseitig ausgewählt haben", so die Theologin.

Kirchenpräsident Volker Jung von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, hob bei der Vorstellung der Studie hervor, dass die V.KMU eine "Tendenz zur Polarisierung der Mitglieder" im Blick auf ihre Kirchenverbundenheit" zeige. Jung: "Während die Gruppe derer mit mittlerer Verbundenheit eher abnimmt, wachsen die Gruppe der engagierten Hochverbundenen und (quantitativ deutlicher) die Gruppe der religiös Indifferenten." Auf der einen Seite werde Kirchenmitgliedschaft bei den Hochverbundenen inhaltlich klar begründet. Traditionelle theologische Verortungen werden erwartet und geteilt und mit einer hohen Bereitschaft zu ehrenamtlichem Engagement verbunden.

Auf der anderen Seite aber, so der Kirchenpräsident weiter, sei "Kirchenferne" weniger von kontroverser Auseinandersetzung oder Abgrenzung geprägt, sondern von nahezu vollständiger Gleichgültigkeit. Jung: "Mitglied der Kirche zu sein - das wird über alle Altersgruppen hinweg zunehmend zur Frage eines klaren Ja oder Nein."

Der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm erläuterte schließlich die "Potenziale des Protestantismus", die sich in der Untersuchung erkennen ließen: "Ein Fünftel der Kirchenmitglieder beteiligen sich aktiv an kirchlichen und religiösen Gruppen. Darüber hinaus engagieren sie sich zudem häufiger als Konfessionslose in nichtkirchlichen Gruppen und Vereinen. Weite Kreise des ehrenamtlichen Engagements in Politik und Kultur, in Gesund¬heit und Parteien sind sozusagen protestantisch geprägt."

In diesem Sinne, so der Landesbischof, trage die Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche in "mehrfacher Weise" zum Zusammenhalt der Gesellschaft bei. Personen, die sich religiös engagieren, seien auch in anderer Hinsicht besonders aktiv im Ehrenamt. Bedford-Strohm: "Generell stellt die evangelische Kirche durch ihre Mitglieder einen relevanten Fundus an Sozialkapital zur Verfügung, der als wesentliche Ressource für den Zusammenhalt der politischen Gemeinschaft erkennbar wird."

Info Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU): Einstellungen zur Kirche, religiöse Prägungen und Tendenzen der Mitgliederentwicklung - alle 10 Jahre bittet die evangelische Kirche seit 1972 im Rahmen großer repräsentativer Studien Experten aus Sozialwissenschaft und Theologie zum Blick von außen auf die Institution und ihre Mitglieder. Der besondere Fokus der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (V.KMU) liegt auf folgenden Themen: Religiöse und kirchliche Praktiken als interaktives Beziehungsgeschehen. Mit wem tauschen sich Menschen aktuell über religiöse Themen aus? Welche kommunikativen Netzwerke gibt es in diesem Feld in oder neben der Institution Kirche? Welche Faktoren und Themen sind prägend, wenn es um die Kirche geht?

Infos zur Bestellung des Textes:

Der erste zusammenfassende Band über die V. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft "Engagement und Indifferenz - Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis" hat 132 Seiten inklusive zahlreicher Abbildungen. Der Band kann im Internet heruntergeladen werden: www.ekd.de/kmu und als Broschüre bestellt werden unter versand@ekd.de. Die Gesamtstudie wird voraussichtlich im Sommer 2015 über den Buchhandel beziehbar sein.

Berlin/Hannover, 6. März 2014

Pressestelle der EKD

Reinhard Mawick

Es gilt das gesprochene Wort!

Dr. h.c. Nikolaus Schneider

Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Statement anlässlich der Vorstellung der Fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (V. KMU) "Engagement und Indifferenz" am 6. März 2014 in Berlin

Wir stellen heute die Ergebnisse der fünften EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft (KMU) vor. Wie die Vorgänger-Untersuchungen zur Kirchenmitgliedschaft wurde auch diese von der EKD verantwortete und in Auftrag gegebene Studie von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern mitfinanziert.

Ich freue mich daher, dass die beiden Repräsentanten dieser Gliedkirchen, Kirchenpräsident Dr. Volker Jung und Landesbischof Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, die Studie mit mir gemeinsam vorstellen. Sie werden gleich zu jeweils einem besonderen Aspekt der Untersuchung sprechen.

Zudem freue ich mich über die Anwesenheit zweier Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats, der die fünfte KMU in Zusammenarbeit mit dem Kirchenamt der EKD und dem Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD konzipiert und ausgewertet hat: Es sind Herr Prof. Dr. Detlef Pollack, Religionssoziologe an der Universität Münster und Frau Prof.in Dr. Birgit Weyel, Praktische Theologin an der Universität Tübingen. Auch Ihnen an dieser Stelle bereits einen herzlichen Dank - für die geleistete Arbeit wie auch für Ihre Bereitschaft, die Ergebnisse heute mit vorzustellen.

Die fünfte EKD-Erhebung zur Kirchenmitgliedschaft setzt einen Weg fort, der vor vierzig Jahren begonnen wurde und alle zehn Jahre neu eingeschlagen wird. 1973 war die Frage leitend: Wie stabil ist die Kirche? 1983 klang der Titel - im Kontext von beachtlichen Austrittswellen - sorgenvoll: Was wird aus der Kirche? Anfang der 90er Jahre wurde mit der III. KMU eine neue Dimension der Mitgliedschaft entdeckt: Der Leitgedanke "Fremde Heimat Kirche" zielte auf eine Wertschätzung der sog. "distanzierten" Kirchenmitglieder. 2003 entdeckte die KMU die innere Vielfalt der Kirche und differenzierte sie nach Lebensstilen und Milieus.

Kernanliegen der heute vorgestellten fünften KMU ist es, ein möglichst realistisches und differenziertes Bild der sozialen Praxis von Kirchenmitgliedern zu gewinnen. Der Titel "Engagement und Indifferenz" zeigt die zentralen Wahrnehmungen der aktuellen KMU an: Zum einen ist nüchtern zu konstatieren, dass eine zunehmende Indifferenz bei Kirchenmitgliedern in vielen Hinsichten zu Abschmelzungsprozessen führt. Die daraus abzuleitenden Prognosen bieten keinen Anlass zu kirchlicher Selbstberuhigung. Zum anderen aber zeigen die Ergebnisse der Studie das vielfältige Engagement von Kirchenmitgliedern und damit eine Reihe von Potenzialen, die für zukünftige Entwicklungen der Kirche fruchtbar sein können.

Ein Ergebnis der KMU möchte ich explizit hervorheben: Evangelische Kirche - das ist für viele Menschen nach wie vor der Pfarrer und die Pfarrerin "vor Ort". Etwa 20.000 Pfarrerinnen und Pfarrer sind im Dienst für 23, 6 Millionen evangelische Christinnen und Christen in Deutschland. Immerhin mehr als drei Viertel der evangelischen Kirchenmitglieder kennt einen Pfarrer oder eine Pfarrerin entweder namentlich oder vom Sehen. Und ihr persönlicher Eindruck steht in engem Zusammenhang mit ihrer Kirchenbindung. Der Pfarrer, die Pfarrerin vor Ort bestimmen also nach wie vor in bedeutsamer Weise die Wahrnehmung von evangelischer Kirche überhaupt. Der Ansatz des EKD-Reformprozesses, die Qualität der pastoralen Arbeit zu thematisieren und zu stärken durch die Einrichtung von speziellen Kompetenzzentren, erweist sich also auch aus der Perspektive der Mitglieder als richtig.

Ferner macht die fünfte KMU deutlich, dass auch trotz sinkender Mitgliedszahlen die Erwartungen - und mitunter auch die Ansprüche - an die Kirche vor Ort wachsen. Darin liegt im Blick auf die Zukunft eine große Chance für uns als Kirche: Es ist durchaus ermutigend, dass von der evangelischen Kirche und ihren Repräsentantinnen und Repräsentanten etwas erwartet wird und dass diese Erwartungen sogar steigen.

Mit den Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen soll das Verständnis für die Haltungen und das Verhalten nicht nur von Kirchenmitgliedern, sondern auch von Konfessionslosen vertieft werden. Ein kontinuierlicher, kritisch und solide erhobener Blick von außen ist wichtig für unsere evangelische Kirche. Er vermag kirchenleitendem Entscheiden und Handeln auf allen Ebenen und für alle Aufgaben des kirchlichen Lebens wichtige Impulse zu geben. Deshalb hoffen wir in den kommenden Monaten auf eine breite Rezeption und Diskussion der KMU-Ergebnisse. Ein Ort dafür wird das EKD-Zukunftsforum im Ruhrgebiet sein: Mitte Mai 2014 treffen sich rund 1000 kirchliche Führungskräfte der mittleren Ebene. Die Ergebnisse der KMU werden hier eine wichtige Rolle spielen.

Es gilt das gesprochene Wort!

Prof. Dr. Detlef Pollack

Institut für Soziologie der Universität Münster

Statement anlässlich der Vorstellung der Fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (V. KMU) "Engagement und Indifferenz" am 6. März 2014 in Berlin

Die Soziologie beschreibt gegenwärtige gesellschaftliche Wandlungsprozesse mit Begriffen wie funktionale Differenzierung, Pluralisierung und Individualisierung. Für eine Institution wie die evangelische Kirche, aber auch für andere Institutionen und Organisationen, wie etwa Gewerkschaften, Parteien oder auch Familien gehen von diesen Prozessen erosive Wirkungen aus, die sie zu mannigfachen internen Umbauten zwingen und ihre traditionale Gestalt verändern.

Funktionale Differenzierung meint, dass die Semantiken und Diskurse der einzelnen gesellschaftlichen Bereiche wie etwa der Wirtschaft, der Politik oder auch der Moral sich mehr und mehr verselbständigen. Für Religion und Kirche hat dies zur Folge, dass ihre Weltdeutungen und Werte von den Menschen nicht mehr so ohne Weiteres für ihr Verhalten in nichtreligiösen Bereichen, in der Politik, in der Erziehung oder sogar im moralischen Bereich als relevant angesehen werden.

Für die evangelische Kirche kommt es daher darauf an, mit ihren Angeboten in der Gesellschaft sichtbar zu sein. Zu denken ist dabei etwa an die diakonische Arbeit der Kirche, an die sich, wie die V. KMU gezeigt hat, hohe Erwartungen richten, an die Übernahme erzieherischer Aufgaben, die ebenfalls hohe Zustimmung erfährt, an ihre Sichtbarkeit in der politischen Öffentlichkeit, an ihr Engagement im Bereich von Kunst, Musik und Kultur, aber wie soeben gehört auch an die Präsenz des Pfarrers und der Pfarrerin in der Kommune, die auf die Wahrnehmung der Kirche und die Verbundenheit mit ihr starken Einfluss hat.

Mit Pluralisierung wird die zunehmende Vielfalt von ethnisch-kulturellen Zugehörigkeiten, Identitäten und Lebensstilen bezeichnet. Die wachsende religiös-kulturelle Pluralisierung fordert die Christen, auch die evangelischen Christen, dazu heraus, ihre eigene religiöse Identität zu stärken und sich zugleich gegenüber anderen religiösen Gemeinschaften nicht zu verschließen. Auch wenn die Mehrheit der Evangelischen die zunehmende Vielfalt religiöser Gruppen für eine Ursache von Konflikten hält, sind die meisten von ihnen zugleich offen gegenüber nichtchristlichen Religionen. Die Offenheit gegenüber nichtchristlichen Religionen und das Vertrauen in Menschen mit einer nichtchristlichen religiösen Zugehörigkeit sind unter den Evangelischen sogar etwas höher als unter Konfessionslosen.

Individualisierung wiederum kann als ein Prozess verstanden werden, in dessen Verlauf die selbstbestimmten Anteile in der Biographie der Menschen zunehmen und die fremdbestimmten abnehmen. Die Kirchen sind von den Prozessen der Individualisierung besonders betroffen, denn die Betonung individueller Selbstbestimmung geht häufig mit einer besonderen Skepsis gegenüber institutionellen Vorgaben einher.

Im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Annahme ist der Glaube jedoch kein von der Institution Kirche isolierter rein individueller Akt. Er bedarf vielmehr der institutionellen Unterstützung, und er verkümmert, wenn ihm die kommunikative Unterstützung durch Interaktionen im Raum der Kirche, durch Kontakte zum Pfarrer, durch den Gottesdienst fehlt. Das haben unsere Analysen, die repräsentativ sind und höchsten sozialwissenschaftlichen Standards genügen, immer wieder gezeigt: Intensive kirchliche Praxis und das Bekenntnis zum Glauben an Gott korrelieren hoch.

Es gilt das gesprochene Wort!

Prof. Dr. Birgit Weyel

Theologische Fakultät der Universität Tübingen

Statement anlässlich der Vorstellung der Fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (V. KMU) "Engagement und Indifferenz" am 6. März 2014 in Berlin

Die wissenschaftliche Konzeption der V. KMU ist an einem netzwerkanalytischen Paradigma orientiert. Das bedeutet: Die Erhebung folgt nicht nur der klassischen Meinungsforschung, sondern sie versteht, stärker als dies bisher der Fall war, Kirchenmitgliedschaft als eine soziale Praxis. Kirchenmitgliedschaft ist eine soziale Praxis, die sich in typischen Kommunikations- und Gemeinschaftsformen vollzieht und in denen die Kirchenmitglieder immer schon stehen. Kirchenmitglieder kommen daher in der Fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung stärker als bisher in ihrer Rolle als Akteure in den Blick.

Wir sehen hier deutliche Anknüpfungspunkte an das theologische Konzept des 'Priestertums aller Gläubigen'. Die Beziehung zur Kirche wird nicht primär als ein 'mehr' oder 'weniger' an Verbundenheit, Beteiligung und Überzeugung verstanden, sondern als eine Praxis der beteiligten Menschen, die diese als ihre je eigene Form von Mitgliedschaft gestalten. Viele unserer Fragen zielen daher auf konkrete Anlässe und Gelegenheiten, in denen Menschen religiös und kirchlich handeln. Zum Beispiel: Wer geht mit wem gemeinsam in den Gottesdienst? Welche Gelegenheiten werden wahrgenommen? Durch welche biographischen Anlässe sind diese motiviert?

Ein zentrales Themenfeld ist die religiöse Kommunikation, die nicht nur im Gottesdienst, sondern darüber hinaus an vielfältigen sozialen Orten stattfindet. Nach protestantischem Verständnis ist Kirche in erster Linie ein Raum, in dem religiöse Kommunikation möglich ist. Wir haben daher danach gefragt, wer mit wem bei welchen Gelegenheiten über Religion ins Gespräch kommt. Es hat sich gezeigt, dass gerade der private Bereich zentral ist: Ehepartner und Lebenspartnerin, aber auch Freunde sind die wichtigsten Gesprächspartner. Der Austausch über religiöse Themen erfolgt vor allem unter 'Wahlverwandten', d. h. Menschen, die sich einander sehr verbunden fühlen und sich wechselseitig ausgewählt haben. Was als 'religiöse' Kommunikation zu verstehen ist, steht nicht einfach fest, sondern ist selbst Gegenstand von kulturellen Konventionen und sozialen Aushandlungsprozessen.

Die V. KMU zeigt, dass für die meisten Menschen der Tod ein zentrales religiöses Thema ist, darüber hinaus aber werden auch Fragen über den Anfang der Welt, ethische Fragen am Lebensende (etwa nach Sterbehilfe, Selbsttötung) und die Frage nach dem Sinn des Lebens als religiös identifiziert. Es zeigt sich, dass der Sinn des Lebens für viele Menschen kein abstraktes Thema ist. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist vor allem in existentieller Perspektive als Frage nach dem Sinn des je eigenen Lebens verstanden worden, die in die Alltagswelt eingebettet ist, bevor sie ein Thema im Austausch mit religiösen Experten ist und zu einer kirchlich-institutionellen Praxis wird.

Es gilt das gesprochene Wort!

Kirchenpräsident Dr. Volker Jung

Evangelische Kirche in Hessen und Nassau

Statement anlässlich der Vorstellung der Fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (V. KMU) "Engagement und Indifferenz" am 6. März 2014 in Berlin

Der Titel "Engagement und Indifferenz" nimmt ein zentrales Ergebnis der V. KMU auf: die Tendenz zur Polarisierung der Mitglieder im Blick auf ihre Kirchenverbundenheit. Diese Polarisierung zeigt sich durchgehend in den verschiedenen Einzelergebnissen.

Während die Gruppe derer mit mittlerer Verbundenheit eher abnimmt, wachsen die Gruppe der engagierten Hochverbundenen und (quantitativ deutlicher) die Gruppe der religiös Indifferenten.

So wird Kirchenmitgliedschaft auf der einen Seite bei den Hochverbundenen inhaltlich klar begründet. Traditionelle theologische Verortungen werden erwartet und geteilt und mit einer hohen Bereitschaft zu ehrenamtlichem Engagement verbunden. Auf der anderen Seite sind Kirchenferne weniger von kontroverser Auseinandersetzung oder Abgrenzung geprägt, sondern von nahezu vollständiger Gleichgültigkeit.

Mitglied der Kirche zu sein - das wird über alle Altersgruppen hinweg zunehmend zur Frage eines klaren Ja oder Nein. Der Anteil Evangelischer, die sich ihrer Kirche stark verbunden fühlen, steigt. Das zeigt der Vergleich zwischen den Untersuchungen von 1992, 2002 und 2012. Und mittlerweile drei von vier Evangelischen schließen einen Austritt kategorisch aus. Damit ist die Bereitschaft zum Kirchenaustritt im Vergleich zu den Werten von 1992 und 2002 in allen Altersgruppen abermals deutlich gesunken.

Gleichzeitig sinkt die Zahl der Evangelischen, die ihrer Kirche immerhin noch schwach verbunden sind, während die Zahl der überhaupt nicht Verbundenen zunimmt. Sich Religion und Kirche aus Skepsis und Indifferenz nicht verbunden zu fühlen, wird in Ost- und Westdeutschland inzwischen zunehmend als selbstverständlich gesehen und zugleich als Ergebnis einer individuellen Entscheidung.

Wir müssen versuchen, diese Polarisierung zu verstehen. Spielen hier gesellschaftliche Trends die entscheidende Rolle? Tragen innerkirchliche Auseinandersetzungen oder ein unklares gemeinsames Wirken nach außen zur Distanzierung bei? Und wenn ja, welche Konsequenzen hat dies? Feststellen müssen wir, dass es uns offenbar in der Breite nicht gelingt, die existentielle Relevanz und die gesellschaftliche Bedeutung des Glaubens plausibel zu machen.

Gleichwohl zeigt die V. KMU - und zwar stärker als je zuvor, welche entscheidende Funktion die Institution Kirche für den individuellen Glauben hat. Bricht personale kirchliche »Interaktionspraxis« ab, so sinkt nicht nur das Gefühl der Verbundenheit mit der Kirche, sondern auch die individuelle Religiosität wird abgeschwächt. Man kann also sagen: Auch die als privat reklamierte, unkirchliche Frömmigkeit lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht geschaffen hat.

Interessiert hat uns bei dieser KMU besonders, welche Rolle die digitalen Medien in der religiösen Kommunikation spielen. Die Ergebnisse zeigen, dass religiöse Kommunikation als personaler Austausch im Wesentlichen in privaten Räumen und unter Anwesenden (face-to-face) stattfindet. Die digitalen Medien spielen bei einem derart privaten und von wechselseitigem Vertrauen geprägten Austausch in der religiösen Kommunikation gegenwärtig keine große Rolle spielen. Bemerkenswert ist zudem die geringe Bedeutung des Internets als Informationsquelle für Kirchenmitglieder. Die Werte der häufigen bzw. gelegentlichen Nutzung des Internets bei der Informationsbeschaffung zu kirchlichen Themen sind angesichts der Bedeutung, die dem Internet in den publizistischen Debatten beigemessen werden, auffallend niedrig. Was das bedeutet, ist bei den Schlussfolgerungen für kirchenleitendes Handeln noch genau zu bedenken.

Es gilt das gesprochene Wort!

Landesbischof Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern

Statement anlässlich der Vorstellung der Fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (V. KMU) "Engagement und Indifferenz" am 6. März 2014 in Berlin

In den vergangenen Jahren hat die Frage nach der Bedeutung religiöser Prägungen für den Zusammenhalt der Gesellschaft unter dem Begriff »Sozialkapital« verstärkt auch in religionssoziologischen Untersuchungen Einzug erhalten, so auch in die V. KMU. Die Ergebnisse weisen im Zusammenhang mit den Stichworten "Engagement" und "Vertrauen" deutlich auf die Potenziale des Protestantismus in der Gesellschaft hin.

So beteiligen sich immerhin ein Fünftel der Kirchenmitglieder aktiv an kirchlichen und religiösen Gruppen. Darüber hinaus engagieren sie sich zudem häufiger als Konfessionslose in nichtkirchlichen Gruppen und Vereinen. Weite Kreise des ehrenamtlichen Engagements in Politik und Kultur, in Gesundheit und Parteien sind sozusagen protestantisch geprägt. Auch zeigt die V. KMU ein überdurchschnittlich hohes Vertrauen der evangelischen Christen in andere Menschen. Dieses Vertrauen beschränkt sich nicht auf die Angehörigen der eigenen Religionsgemeinschaft, sondern erstreckt sich (mit Abstrichen) auch auf andere Religionen und Weltanschauungen.

Dabei zeigt sich ein enger Zusammenhang zwischen sozialem Engagement und dem Vertrauen in andere Menschen: Die Mitarbeit in kirchlich getragenen Aktivitäten hat eine positive Wirkung auf die Ausbildung von interpersonalem Vertrauen. In diesem Sinne trägt die Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche in mehrfacher Weise zum Zusammenhalt der Gesellschaft bei. Personen, die sich religiös engagieren, sind auch in anderer Hinsicht besonders aktiv im Ehrenamt. Generell stellt die evangelische Kirche durch ihre Mitglieder einen relevanten Fundus an Sozialkapital zur Verfügung, der als wesentliche Ressource für den Zusammenhalt der politischen Gemeinschaft erkennbar wird.

Konkretes diakonisches Engagement der Kirche erfährt eine sehr hohe Zustimmung - auch bei Konfessionslosen. Allerdings werden die diakonischen Einrichtungen von Evangelischen und Konfessionslosen gleichermaßen wenig als sozialer Beitrag der Kirche wahrgenommen. Das erscheint als gewaltige Herausforderung. Denn es widerlegt die immer wieder wahrzunehmende Meinung, die Kirche rede nur, aber sie handle nicht dementsprechend. Dass die Diakonie eine Erscheinungsform der Kirche ist, müssen wir deutlicher machen!

Ein besonderer Fokus der V. KMU verbindet sich schließlich mit der Lebenszufriedenheit der Befragten. Im Blick auf diese komplexe Größe zeigt sich: Religiosität ist ein wichtiger Faktor für die Lebenszufriedenheit. Interessanterweise hat neben der von der Konfession zunächst unabhängigen Religiosität auch die Kirchenmitgliedschaft Einfluss auf die Lebenszufriedenheit: Diese ist bei Mitgliedern der evangelischen Kirche im Durchschnitt höher als bei Konfessionslosen.

In einer Zeit, in der das Thema "Glück" ein Megathema ist, sollten wir als Kirche deutlich machen, warum der christliche Glaube eine so kraftvolle Grundlage für ein erfülltes, ein glückliches Leben ist! Wer wahrnimmt, wie stark die von den Glücksforschern ermittelten Themen genau die zentralen Themen der Bibel sind, wird von der engen Korrelation von Glaube und Lebenszufriedenheit nicht überrascht sein!

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