Dt. Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin

Kinder- und Jugendärzte fordern für unter Dreijährige in Kinderkrippen deutlich höhere Qualitätsstandards

Ulm (ots) - Der Trend ist eindeutig: Immer mehr Kinder insbesondere aus bildungsfernen, armen und überforderten Familien werden in Deutschland in den ersten drei Lebensjahren außerhäuslich betreut. Dafür stehen jedoch viel zu wenige geschulte Erzieherinnen oder Tagesmütter zur Verfügung. Die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) fordert deshalb besser ausgebildete Erzieherinnen und günstigere altersgewichtete Betreuungsschlüssel für Krippenkinder.

Nach den Ergebnissen einer Studie der Bertelsmannstiftung besteht immenser Handlungsbedarf. Mehr als 60 Prozent der befragten Träger, Erzieher und Tagesmütter hatten in einer Untersuchung eingeräumt, unzureichend auf die Arbeit von Kindern unter drei Jahren vorbereitet zu sein. Und der Bedarf an solchen Fachkräften wird in den nächsten Jahren enorm zunehmen. Bis zum Jahr 2013 sollen nach dem Willen von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen bundesweit für rund ein Drittel der unter Dreijährigen Betreuungsplätze entstehen, davon 30 Prozent in der Tagespflege. In den westlichen Bundesländern werden derzeit lediglich 7,5 Prozent der unter Dreijährigen in Kindertages-Betreuungseinrichtungen versorgt. Zwar plant die Bundesregierung, die pädagogische Qualität von Fachkräften in der Kindertagespflege oder in Kinderkrippen zu verbessern. Ob jedoch diese - bisher eher halbherzigen - Anstrengungen für eine wissensbasierte und praxisbezogene nachhaltige Ausbildung ausreichen, wird von DGSPJ-Präsident Professor Harald Bode aus Ulm eher bezweifelt.

Eine bessere Qualität bei der Betreuung von Kindern unter drei Jahren sei vor allem deshalb notwendig, weil Verhaltensstörungen und Aggressionen umso mehr zunehmen, je schlechter die Erzieherinnen qualifiziert sind und je mehr Kinder sie betreuen müssen. Noch immer gibt es heute nach Angaben des Diakonischen Werks Kurhessen-Waldeck Gruppen von bis zu 25 Kindern, für die lediglich 1,5 Erzieherstellen zur Verfügung stehen. Entwicklungsauffälligkeiten könnten so kaum aufgespürt werden, da weder auf die physischen noch auf die emotionalen Bedürfnisse der einzelnen Kinder eingegangen werden könne.

Um diesen hohen Anforderungen künftig gerecht werden zu können, fordert die DGSPJ in ihrem neuen Positionspapier von der Bundesregierung folgenden Maßnahmen:

   - Fachhochschulausbildung für rund die Hälfte der Erzieherinnen 
     und Erzieher! Bisher erzielen bundesweit nur 3,2 Prozent aller 
     Erzieherinnen einen sozialpädagogischen Hochschulabschluss. 
     Dabei sollten neben Inhalten wie Bindungsaspekten und emotionale
     Verfügbarkeit auch Aspekte der Selbsterfahrung und Supervision
     mit einfließen, ohne jedoch den Praxisbezug aus dem Blick zu
     verlieren. 

   - Deutlich bessere altersgewichtete Betreuungsschlüssel für 
     Kleinkinder! Als Richtschnur sehen die Sozialpädiater eine 
     Gruppengröße von bis zu 12 Kindern in der Altersklasse unter
     drei Jahren an. Für Säuglinge von 9 bis 12 Monaten muss dabei
     eine Betreuerin für maximal 2 Kinder, für das Alter von 12 bis
     24 Monaten eine Betreuerin für maximal 3 Kinder und für Kinder
     von 24 bis 36 Monaten eine Betreuerin für maximal 4 Kinder
     vorgehalten werden. Diese Richtwerte werden bislang fast
     nirgendwo erreicht. 

   - Betreuungszeiten von Kindern außer Haus nicht überstrapazieren! 
     Das Eintrittsalter in eine Krippe sollte in keinem Fall unter 
     neun Monaten liegen. Bei unter zweijährigen Kinder sollte eine 
     halbtägige außerfamiliäre Betreuung nicht überschritten werden. 

   - Gesundheitsaspekte in der Krippe aufwerten! Dazu zählt zum 
     Beispiel die Kontrolle des Impfstatus. Erzieherinnen müssten in 
     die Lage versetzt werden, Kindern eine gesunde Ernährung mit 
     optimierter Mischkost und ausreichende Bewegungserfahrungen zu 
     ermöglichen. 

   - Schaffung eines Gütesiegels für Krippen, die Qualitätskriterien 
     konsequent einhalten! 

Um diese harten Qualitätskriterien auch wissenschaftlich abzusichern, regt Bode an, diese Standards mit Begleit- und Längsschnittstudien zu überprüfen. Dazu böte sich das Bundesland Sachsen-Anhalt an, da dort in der Schulanfängerkohorte 2006/2007 etwa 90 Prozent der unter Dreijährigen eine Krippe besucht haben.

Pressekontakt:


Dr. med. Ulrike Horacek
Leiterin des Gesundheitsamt Kreis Recklinghausen
Kurt-Schumacher-Allee 1
45657 Recklinghausen
Tel. 02361 / 53 - 4134
E.-Mail: u.horacek@kreis-re.de

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