Engpässe am internationalen Kraftwerkskohlenmarkt stehen kurz bevor

    Essen (ots) - Während in Deutschland die Förderung heimischer Steinkohle  bis 2018 auslaufen soll, wenn nicht in 2012 eine energiepolitische Revision dieser Entscheidung vorgenommen wird, drohen am internationalen Kraftwerkskohlenmarkt in naher Zukunft Lieferengpässe. Dies geht aus  einer im Frühjahr 2007 veröffentlichten Analyse aus der deutschen Versorgungswirtschaft "Entwicklung und Perspektive von Angebot und Nachfrage am Steinkohlenweltmarkt" hervor (Zeitschrift für Energiewirtschaft 1/2007, S. 15-34). Diese Befunde knüpfen an eine langjährige Analyse der  voraussichtlichen Entwicklung des internationalen Kraftwerkskohlenmarktes an und bestätigen voll deren Aussagen zum Trend (Zeitschrift für Energiewirtschaft 1/2006 sowie FAA Nr. 30/2006). Danach ist seit ungefähr 2002 die Käufermarktsituation am internationalen Kraftwerkskohlenmarkt in ein "labiles Marktgleichgewicht" umgeschlagen, das "mittelfristig in einen Zustand der Verknappung bzw. Unterversorgung steuert".

    Konkret kommt die betreffende Analyse zu dem Schluss, dass auf dem Kesselkohlensektor im Überseehandel ab 2010 Engpässe auftreten, weil die dann verfügbare Angebotskapazität die rasch wachsende internationale Nachfrage nicht mehr decken kann. Schon ab 2009 könnte hier die Versorgungssituation kritisch werden. In drei Jahren wäre die Kapazitätsgrenze also erreicht. 2001 wurde noch erwartet, dass die 100 %-Marke in fünf Jahren erreicht würde. Der Punkt der vollständigen Kapazitätsauslastung rückt unaufhaltsam näher. Reservekapazität gibt es praktisch nicht mehr. Sofern nicht in Kürze massiv investiert wird und zur Entlastung zusätzliche Exportkapazitäten auf den Weg gebracht werden, "droht bereits in naher Zukunft eine spürbare Angebotslücke mit wohl schmerzhaften Auswirkungen auf die Preisentwicklung". Schon seit 2005 steigen die Kraftwerkskohlenpreise auf dem internationalen Markt nachhaltig an, weil die verfügbaren Exportkapazitäten anhaltend zu rd. 90 % und damit erheblich stärker als früher ausgelastet sind. Im langfristigen Durchschnitt wird eine Auslastung von 80 % als normal angesehen. Für die Kohlenimportländer ergebe sich daraus unter anderem, dass eine Rückkehr zu den relativ niedrigen Importkohlenpreisen der 1990er Jahre in absehbarer Zeit eine "Illusion bleiben" muss. Wenn sich die gegenwärtigen Trends fortsetzen, werde immer mehr "das sich ausweitende Angebotsdefizit und der damit verbundene Versorgungsengpass deutlich (werden)".

    Hauptgründe für diese bedenkliche Entwicklung:

    - Seit der Jahrtausendwende hat sich weltweit im Trend das
        Nachfragewachstum am internationalen Kohlemarkt erheblich
        beschleunigt. Dieser Trend hält an. Zwar konnte die gestiegene
        Nachfrage durch die verfügbaren Angebotskapazitäten bisher
        gedeckt werden, und Preissteigerungen regen stets auch eine
        Ausweitung der Produktionskapazitäten an. Doch haben sich diese
        Marktzyklen in den letzten Jahren deutlich verkürzt, und die
        Nachfrageschübe führen zu einem immer schnelleren Ausschöpfen
        der vorhandenen und neu zuwachsenden Exportkapazitäten.

    - Hinzu kommt, dass sich die größten Kohleproduktionsländer der
        Welt, China und die USA, zu Nettoimporteuren entwickeln.

    - Die Kesselkohlennachfrage wird sich auf dem Pazifischen Markt
        noch dynamischer entwickeln (in 2006: 336 Mio. t) und einen
        größeren Anteil am Weltmarkt einnehmen als der für Europa
        wesentliche Atlantische Markt (in 2006: 220 Mio.). Die Gewichte
        im internationalen Kohlehandel werden sich nach allen Prognosen
        in Zukunft noch mehr in Richtung auf den Pazifischen Markt
        verschieben.

    - Die Angebotsseite am internationalen Markt für Kesselkohlen ist
        seit dem Jahr 2000  klar "unterinvestiert". Die Anzahl der
        weltweiten Investitionsprojekte in Exportgruben und zugehörige
        Infrastruktur ist zurückgegangen und hat sich gegenüber den
        1990er Jahren halbiert. Sie verharrt weiter auf einem mäßigen
        Niveau, obwohl die spezifischen Investitionskosten keineswegs
        gestiegen sind. Festgestellt wird daher: "Seit mindestens zwei
        Jahren (fehlt) die Investitionsbereitschaft der Produzenten,
        rechtzeitig für ein flüssiges und ausreichendes Angebot zu
        sorgen. Hinsichtlich der Angebotsentwicklung lebt der Markt
        bereits heute von der Hand in den Mund."

    - Ungeklärt bleibt, inwieweit diese Parallelentwicklung zum
        Weltölmarkt "das Resultat der Finanzstrategie vor allem der vier
        großen Kohleproduzenten und -exporteure (Big Four) ist." Diese
        vier Großanbieter auf dem internationalen Kohlemarkt (BHP
        Billiton, XStrata/Glencore, Anglo Coal und Rio Tinto), die
        zusammen rd. 40 % der weltweiten Kohlenexporte kontrollieren,
        haben auch bei der Kesselkohle eine marktstarke Stellung
        erreicht, die mit einem Anteil von hier knapp 30 % allerdings
        noch nicht als dominant angesehen wird. Jedoch haben sie ihre
        Investitionen in den letzten Jahren verstärkt in den für sie
        lukrativeren Kokskohlenmarkt gelenkt,  bei dem sie mit einem
        Anteil von 44 % eine noch stärkere Position haben. Dort wird
        ihnen bereits ein erheblicher Einfluss auf die Preisentwicklung
        zugeschrieben - ähnlich wie schon beim Eisenerz.

    - Investitionen in Neuaufschlüsse und Infrastruktur (Bahn, Hafen,
        Wasserversorgung) sind deutlich teurer als
        Kapazitätserweiterungen, so dass große kapitalmarktorientierte
        Unternehmen wie die Big Four stets auch unter Shareholder
        Value-Aspekten abwägen, ob sie ihre Mittel in neue Investitionen
        im Kohlesektor lenken oder höhere Dividenden ausschütten und so
        ihren Börsenwert erhöhen und ihr Kreditrating verbessern sollen.
        Es scheint, als ginge die Finanzstrategie der großen Produzenten
        auf. Als Resultat wird der Kesselkohlenpreis weiter anziehen, so
        dass zugleich die "Big Four" von einer verschärften
        Verkäufermarktsituation im Kesselkohlensektor profitieren
        werden.

    - Relativ hoch ist auch die Länderkonzentration. Das verfügbare
        Exportangebot für Kesselkohlen stammt aus einer begrenzten Zahl
        von Ländern, auch wenn die Konzentration in der Spitze nicht so
        hoch ist wie bei der Kokskohle, bei der Australien inzwischen
        einen Marktanteil von 67 % erreicht hat und eine globale
        Abhängigkeit der Stahlindustrie von einem einzigen Land
        entstanden ist. Bei den internationalen Kesselkohlenexporten
        dominiert inzwischen Indonesien mit 26 %  vor Australien (20 %).
        Insgesamt stammen 81 % des weltweiten Kesselkohlenexportangebots
        aus lediglich einer Handvoll Länder. Praktisch das gesamte
        Weltmarktangebot kommt aus nur acht Ländern.

    - Auf dem für Westeuropa maßgeblichen atlantischen
        Kesselkohlenmarkt ist die Angebotskonzentration noch höher, denn
        Indonesien und Australien spielen hier fast keine Rolle: Hier
        dominierte in 2006 Südafrika (32 %) vor Russland (28 %) und
        Kolumbien (27 %). Auf diese drei Länder entfallen somit 87 %
        aller atlantischen Exporte.

    Nicht thematisiert wurde ein für die Versorgungssicherheit sehr wichtiger politischer Aspekt: Etwa drei Viertel der internationalen Kraftwerkskohlenlieferungen kommen aus Ländern, deren politische Stabilität nach einer Weltbank-Klassifikation als bedenklich bis sehr bedenklich einzustufen ist. Die drei Länder, die den atlantischen Handel bestreiten, gelten alle als bedenklich bis sehr bedenklich.

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