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BERLINER MORGENPOST: Ernüchterung auch auf dem Balkan - Leitartikel

Berlin (ots) - Während zu Hause immer vernehmlicher an seinem Vorstandsstuhl gesägt wird, hat Guido Westerwelle auf dem politisch nach wie vor stark verminten Balkan versucht, seine Rolle als Außenminister zu stärken. Allerdings muss ihn auch die Reise von Kroatien bis zum Kosovo bei ehrlicher Bilanzierung ernüchtert haben. Denn gut zehn Jahre nach Ende der letzten Kämpfe im ehemaligen Restjugoslawien schweigen zwar die Waffen, die neue Landkarte der Nachfolgestaaten des einstigen Tito-Imperiums wird dagegen noch immer infrage gestellt. Der große Störenfried bleibt Serbien. Sowohl gegenüber dem Kosovo, dessen Abspaltung Belgrad nicht anerkennen will, wie auch gegenüber dem multiethnischen Bosnien-Herzegowina, dessen serbische Teilrepublik Srpska heim nach Belgrad strebt. Wie unverändert brisant die Gesamtlage auf dem Balkan ist, davon kündet der Einsatz deutscher Soldaten im Rahmen der Eufor-Mission in Bosnien-Herzegowina wie des Kfor-Mandats im Kosovo. Ohne sie wäre der Frieden zwischen den Volksgruppen noch immer stark gefährdet. Dabei streben alle in die Europäische Union. Eine Überlebensperspektive, die aus dem zerbrochenen früheren kommunistischen Jugoslawien bislang allein Slowenien erreicht hat. Westerwelle wollte mit seiner Balkan-Tour nun testen, wie EU-tauglich die übrigen untereinander ziemlich zerstrittenen, ja verfeindeten Kandidaten sind. Damit ist es - Ausnahme Kroatien - noch immer nicht weit her. Dabei ist schwer vorstellbar, dass sich der einst geschlossene balkanische Wirtschaftsraum so aufgesplittert wie derzeit ohne Wiederannäherung und irgendwann auch unter dem Dach der EU zu einer prosperierenden Region wird entwickeln können. Wie weit dieser Weg noch ist, davon hat sich der deutsche Außenminister vor Ort überzeugen müssen. Aber er hat in verdienstvoller Weise seinen Gesprächspartnern vor allem in Serbiens Hauptstadt Belgrad, aber auch in Bosnien-Herzegowinas Regierungszentrale Sarajevo unmissverständlich klargemacht, dass sie endlich die neuen territorialen Realitäten anzuerkennen haben, bevor überhaupt weiter an einen EU-Beitritt gedacht wird, geschweige denn Verhandlungen aufgenommen werden. Wenn Belgrad tatsächlich in der UN-Vollversammlung im September eine Resolution einbringen wird, um die vom Internationalen Gerichtshof gerade völkerrechtlich bestätigte Loslösung des Kosovo von Serbien wieder rückgängig zu machen, unterstreicht das nur, wie meilenweit die unverändert zur Selbstüberschätzung neigenden Serben noch immer von Europa entfernt sind. Das kann uns nicht völlig gleichgültig lassen. Der Balkan liegt vor unserer Haustür, ist eher ein Teil Europas als die Türkei. Aber es gibt für niemanden einen Freifahrtschein in die Europäische Union. Dies in aller Klarheit noch einmal bekundet zu haben ist der bescheidene Erfolg der Reise Westerwelles.

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