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BERLINER MORGENPOST: Kommentar: Die Risiken liegen nun bei den Staaten Sebastian Jost über den zweifelhaften Stresstest für Banken und die Folgen daraus

Berlin (ots) - Selten wurde um Zahlenkolonnen aus Bankentürmen ein solcher Fetisch gemacht wie in den vergangenen Wochen. Dabei geht es bei dem groß angelegten Stresstest der EU gar nicht um harte Fakten, nicht um echte Gewinne oder Verluste - sondern um letztlich künstliche Szenarien theoretisch möglicher Krisensituationen. Die Aussagekraft dieser unter Laborbedingungen gemessenen Ergebnisse für die Wirklichkeit ist per se beschränkt, zumal sie längst nicht alle möglichen Risiken abbilden. Die Bilanzpositionen wiederum, die den Modellrechnungen zugrunde liegen, müssten Bankenaufsehern längst bekannt sein. Es ging also nur darum, die Lage der Banken öffentlichkeitswirksam darzustellen - und zwar in einem möglichst positiven Licht. In dieser Entstehungsgeschichte liegt das größte Manko des Stresstests. Von Anfang an war er erklärtermaßen als Beruhigungspille für die Akteure an den Finanzmärkten angelegt. Den Eindruck eines bestellten Gefälligkeitsgutachtens verstärkten die Staaten der Europäischen Union noch durch ein wochenlanges Hickhack um die genauen Kriterien. Interessierte da überhaupt jemanden, wie realitätsnah die Szenarien waren? Kam es nicht einzig und allein darauf an, nicht mehr Banken durchfallen zu lassen als unbedingt nötig? Dieses verbreitete Urteil ist die direkte Folge eines chaotischen Verfahrens. Die Regierungen haben die Glaubwürdigkeit ihrer eigenen Werbemaßnahme torpediert. Die geringe Zahl der Ausreißer mag Investoren kurzfristig beruhigen - aber sie wird die Zweifel an Europas Banken kaum dauerhaft ausräumen können. Zumal sich der Erkenntnisgewinn in Grenzen hält. Dass so manche spanische Sparkasse schlecht dasteht, war bekannt. Ebenso war klar, dass viele andere Kreditinstitute in den vergangenen zwei Jahren tatsächlich stabiler geworden sind. Das ist aber kein Ausdruck der eigenen Stärke der Branche. Denn stabilisiert haben in erster Linie die Staaten: Regierungen haben dreistellige Milliardensummen garantiert und zugeschossen, Zentralbanken alle Geldschleusen geöffnet. Da fällt es den Banken vergleichsweise leicht, in einem Stresstest gut auszusehen. Das gute Abschneiden bestätigt daher vor allem eines: Die Risiken der Banken wurden erfolgreich eine Ebene höher transferiert: Sie liegen mehr denn je bei der öffentlichen Hand. Ein Rücktransfer zu den Geldhäusern selbst wäre zwar dringend nötig, auf absehbare Zeit ist er jedoch ausgeschlossen. Gerade Deutschlands Problembanken werden noch lange nicht in der Lage sein, ihre Kapitalhilfen zurückzuzahlen. Auch gibt es in Europa nach wie vor kein Verfahren, um schlingernde Banken pleitegehen zu lassen, ohne dass es zu einer Massenpanik kommt. Solange diese Probleme nicht gelöst sind, bleibt das Bankensystem ein Risikofaktor für den Steuerzahler - daran ändert ein bestandener Test nichts.

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