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BERLINER MORGENPOST: Lenas Erfolg liegt in ihrer Freiheit - Leitartikel

Berlin (ots) - Es liegt ein leichter Hauch von 1954 in der Luft. Dieses Staunen, die ungläubig-vorsichtige Freude, die bange Frage, was dieser Sieg wohl zu bedeuten hat. Lena Meyer-Landrut hat ja nicht nur einen Sängerwettstreit gewonnen, sondern auch über scheinbar auf ewig zementierte Medienmechanismen triumphiert, über eine verbreitete Katastrophenlaune hierzulande, und sicher auch einige Deutschland-Vorurteile in Europa zerstreut. Anders als ihre schmerzend naive Vorgängerin Nicole hat Lena das ganze Land für sich gewonnen. Mehr als 14 Millionen Landsleute klebten an den Fernsehern, am Tag darauf wurden Europas Flugpläne und sogar das heilige Sendeschema der ARD umgeworfen. Die bisherige Scorpions-Stadt Hannover bereitete ihrem neuen Star einen rauschenden Empfang, selbst die Kanzlerin ließ via Christian Wulff Glückwünsche übermitteln. Deutschland ist Lena-Land, schichten- und generationenübergreifend verzaubert von etwas Banalem wie Pop. Und es fühlt sich nicht mal peinlich an. Am besten erklärt sich das Phänomen Lena wohl dadurch, was sie alles nicht ist. Sie ist kein Produkt, sie hat keine Exklusivverträge für Interviews, sie hält ihr richtiges Leben unter Verschluss, eine Merchandising-Strategie ist nicht zu erkennen. Lena bietet den Gegenentwurf zur exhibitionistisch-übersteuerten "DSDS"-Geldmaschine, der zwar bis zu zehn Millionen Zuschauer folgen. Die 70 Millionen aber, die sich der Elendsshow verweigern, sind dankbar für eine Lena, die unbefangen all jene Gesetze der "Bunte"-"Gala"-RTL-Diktatur ignoriert, die Politiker, Wirtschaftsbosse und der größte Teil der Prominenz artig befolgen. Lena, das ist eben auch ein Synonym für Freiheit. Alt genug, die meisten Spielchen der Erwachsenen zu kennen, aber zu jung, um über Ratenkredite, Rotweine oder Altersvorsorge zu sinnen, ist sie weitgehend frei von Angst, was auch ihr Auftritt in Oslo zeigte. Sie verließ sich nicht auf ebenso kalkulierte wie alberne Inszenierungen, sondern einfach auf sich. Der wohltuend dezente Macher im Hintergrund heißt Stefan Raab, zu Unrecht auf die Rolle des Witzbolds reduziert. Raab entdeckte das Mädchen und verpasste ihr einen Song, der funktionierte, er bewegte die traditionellen Feinde Pro7 und ARD zu gemeinsamer Sache, er riet Lena zum hermetischen Abschirmen ihres Privatlebens - eine ganze Reihe kleiner Kulturrevolutionen. Ab sofort wirken Ralph Siegel, Dieter Bohlen und all die anderen Musikonkels noch unerträglicher. Und was bleibt nun von Lena? Natürlich wird sie trotz ihrer süchtig machenden Fröhlichkeit ein nostalgieversessenes Deutschland nicht verändern, das lieber Helmut Schmidt und Helmut Kohl lauscht, anstatt sich über die Zukunft Gedanken zu machen. Immerhin: Lena hat dem Land ein paar Momente selbstvergessener Leichtigkeit geschenkt. Danke für dieses Kunststück.

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