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Berliner Morgenpost: Der unnötige Rücktritt einer streitbaren Frau - Leitartikel

Berlin (ots)

Schade. Der Rücktritt der obersten deutschen
Protestantin ist ein hoch nobler Schritt, der für 
Verantwortungsgefühl und Konsequenz spricht. Aber womöglich erlebt 
das Land hier auch ein Musterbeispiel an Überkonsequenz. Sicher, mit 
1,5 Promille über eine rote Ampel zu fahren, das ist keine 
Kleinigkeit. Aber mal ehrlich: Wie viele Autofahrer mögen mit einer 
Mischung aus Schrecken und Erleichterung an die ein oder andere 
eigene Promillefahrt gedacht haben, die unentdeckt blieb?
Margot Käßmann wird nach geltendem Recht bestraft, sie wird den 
Führerschein abgeben, Strafe zahlen und womöglich sozialen Dienst 
leisten müssen, was nicht frei von Alltagsironie wäre. Schuld und 
Sühne, das Prinzip gilt auch im Verkehrsrecht. Wie alle anderen 
Bürger muss selbst eine Bischöfin die Möglichkeit haben, einen Fehler
wiedergutzumachen, auch wenn sie vielleicht nicht im Sinne ihrer 
eigenen Predigten gehandelt hat. Das Scheitern an hohen Maßstäben ist
die ewige Geschichte des Christentums, und es macht eine Kirche nicht
unglaubwürdiger, wenn auch ihre hohen Repräsentanten es an Perfektion
mangeln lassen. Fehlerfrei ist nur Gott im Himmel. Wichtig ist: Jeder
Mensch muss die Chance zur Rehabilitation haben. Ein einzelner 
Fehltritt darf nicht ein ganzes Leben zerstören. Wenn in Deutschland 
alle zurücktreten müssten, die täglich höchste moralische Latten 
auflegen, dann blieben nicht nur Parlamente und Funktionärssessel 
oftmals leer, sondern auch die Kommentarspalten der Zeitungen - 
selbst diese hier.
Der Rücktritt der Bischöfin wirft eine zentrale Frage auf: Welche 
Fehler will eine Gesellschaft bei ihren Anführern tolerieren? Reichen
schon Verkehrsdelikte? Wann wird die hysterische Öffentlichkeit den 
ersten Falschparker zum Rücktritt zwingen? In den USA, teils auch in 
Großbritannien, lässt sich beobachten, wie brutal selbst private 
Verfehlungen öffentlich verfolgt werden. Eine - durchaus private - 
Ehekrise, das getwitterte Gerücht über eine mögliche Verfehlung 
genügen, um eine unangemessene Hatz ohnegleichen zu starten.
Das akribische Durchleuchten von Führungspersönlichkeiten hat weniger
einen reinigenden als viel eher einen kontraproduktiven Effekt: Jeder
qualifizierte und/oder nonkonforme Charakter wird sehr genau 
überlegen, ob er sich in ein öffentliches Amt begibt. Die Diktatur 
des mittelmäßigen Funktionärs wird sich fortsetzen.
Vergeben und Verzeihen, nicht nur anderen, auch sich selbst, gehören 
zu den großen und ewigen Botschaften des Christentums. Es hätte gute 
Gründe gegeben, dieser Kirchenfrau die Chance zur Buße zu geben. 
Margot Käßmann war, ist und bleibt eine bemerkenswerte 
Persönlichkeit: streitbar, manchmal querköpfig, bisweilen abwegig, 
aber immer geradeaus. Dass diese Frau nach öffentlicher Scheidung und
halb öffentlich bekämpftem Krebs nun ausgerechnet durch eine 
Alkoholfahrt erledigt wird, verdeutlicht verrückte Maßstäbe in diesem
Land. Für Mehrwertsteuerlügen oder mit Spenden erkaufte 
Hoteliers-Boni tritt keiner zurück - aber für eine rote Ampel. Jesus 
würde sich wundern.

Pressekontakt:

Berliner Morgenpost
Chef vom Dienst
Telefon: 030/2591-73650
bmcvd@axelspringer.de

Original-Content von: BERLINER MORGENPOST, übermittelt durch news aktuell

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