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Berliner Morgenpost: Das Abendland auf einem Quadratkilometer - Leitartikel

    Berlin (ots) - Der Satz, dass die Politik zuletzt an die Kultur denke und zuerst bei ihr den Rotstift ansetze, stimmt schon lange nicht mehr. Längst wissen auch die Abgeordneten von den Hinterbänken, dass Museen, Theater und Bibliotheken kein Luxus sind, auf den man in Zeiten finanzieller Knappheit einfach verzichten könnte. Die meisten scheinen begriffen zu haben, dass Bildung der wichtigste Zukunftsstoff ist. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die glanzvolle Wiedereröffnung des Neuen Museums für das Versprechen genutzt, dass der Bund uneingeschränkt zu seinen kulturellen Verpflichtungen stehe. Gerade hatten Gerüchte aus den Koalitionsverhandlungen für Unruhe gesorgt, die Haushaltspolitiker wollten eine Verschiebung des Schlossbaus und damit des nächsten Großprojekts Humboldtforum um vier Jahre. Nach Merkels Erwiderung auf den Regierenden Bürgermeister, der sie dazu aufgefordert hatte, Klarheit in dieser Frage zu schaffen, wird sich am Zeitplan wohl nichts ändern. Jedenfalls wurde die Kanzlerin so verstanden und mit überschwänglichem Beifall belohnt. Ein kulturpolitisches Zurückstecken hätte zu dem wahrhaft historischen Ereignis nicht gepasst. Zum ersten Mal seit 70 Jahren sind nun wieder alle fünf Häuser der Museumsinsel dem Publikum zugänglich. Die Idee, auf einem Areal von knapp einem Quadratkilometer in der Mitte der deutschen Hauptstadt 6000 Jahre abendländische Geschichte und Kunst erlebbar zu machen, ist Wirklichkeit geworden. Wer die Kurzatmigkeit von Politik im Medienzeitalter, die Bodenlosigkeit einer finanzgetriebenen Ökonomie oder die Eventsucht einer übersättigten Öffentlichkeit beklagt, der kann beim Blick auf das gemächliche, aber unbeirrbare Voranschreiten des Jahrhundertprojekts Museumsinsel Trost und Zuversicht gewinnen: Es gibt sie - den langen Atem, die Leidenschaft für die Sache, das über alle Parteigrenzen und föderalistische Eifersüchteleien hinweggehende Bewusstsein für das, was Deutschland als Kulturnation sich und der Welt schuldig ist. Das Neue Museum war sechzig Jahre lang eine dem Vergessen und dem Wetter schutzlos ausgesetzte Ruine. David Chipperfield, der mit dem Bau beauftragte Architekt, entschloss sich, diese Zerstörungs- und Verfallsgeschichte nicht zu überbauen und zu übertünchen. Was noch erhalten war, sollte penibel restauriert, aber nichts kopiert werden, was verloren war. Das Aufeinandertreffen von archäologischer Sorgfalt und modernen Materialien und Bauweisen hat viele verstört. Chipperfields Konzept war umstritten. Eine Bürgerinitiative sammelte den Unmut derer, die sich um ihren Anspruch auf "Wiederherstellung" des Alten betrogen sahen. Bei der Alten Nationalgalerie und dem Bodemuseum war doch auch das Alte in neuem Glanz erstanden. Warum sollten nun beim Neuen Museum die Narben des Krieges ausgestellt werden? Ist das Kokettieren mit morbider Ruinenschönheit nicht frivol? Solche Fragen sind legitim. Aber sie sind leiser geworden. Man möchte "Auferstanden aus Ruinen" summen. Beim Neuen Museum ist kein Wort davon Lüge.

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