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Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius: "Die Entwicklung im Behindertensport ist der Hammer!"

Frankfurt am Main (ots) - Am morgigen Mittwoch beginnen die Paralympischen Spielen in Rio de Janeiro. Im Interview äußert sich die frühere Weltklasse-Speerwerferin Steffi Nerius, Mitglied im Gutachterausschuss der Deutschen Sporthilfe und gleichzeitig Trainerin der Paralympics-Starter Markus Rehm und Franziska Liebhardt, über ihre Erwartungen an die Spiele, den Sinn von gemeinsamen Wettkämpfen behinderter und nichtbehinderter Athleten sowie zum Vergleich der Förderung von olympischen und paralympischen Athleten.

Was erwarten Sie von den Paralympischen Spielen in Rio de Janeiro?

Steffi Nerius: Rein vom Sportlichen erhoffe ich mir von "meinen" beiden Athleten eine Medaille. Bei Markus Rehm muss schon viel passieren, dass er im Weitsprung nicht die Goldmedaille gewinnt. Das ist sein und auch mein Anspruch. Auch für Franziska Liebhardt habe ich große Medaillenhoffnungen, im Kugelstoßen und im Weitsprung. Aber es sind ihre ersten Paralympics, da strömen natürlich viele Eindrücke auf sie ein, das muss sie erst einmal verarbeiten. Außerdem bin ich noch Blocktrainerin für die Wurf-, Sprint- und Sprungdisziplinen beim Deutschen Behindertensportverband und hoffe natürlich, dass alle weiteren Athleten die gute Form, in der sie sind, auch im Wettkampf abrufen können. Für die Leichtathleten bin ich sehr optimistisch, dass wir in Rio sehr gut abschneiden werden.

Was erhoffen Sie sich für eine Atmosphäre?

Steffi Nerius: Ehrlich gesagt, erwarte ich momentan gar nichts. Ich fahre nicht wirklich mit Vorfreude hin, eher mit negativen Gefühlen. Es gab im Vorfeld zu viele Berichte über Probleme, über Einsparungen im Bereich Sicherheit, Shuttle, Essen in der Mensa. Das wäre sehr schade für die Athleten, die sich vier Jahre und länger auf die Paralympics vorbereitet haben. Markus hat überragende Spiele in London erlebt, das wird wahrscheinlich ohnehin nie mehr zu toppen sein. Aber für Franzi sind es die ersten, und sie hat das wirklich verdient. Ich hoffe, es wird besser, als ich es im Moment denke. Aber hier wird der Unterschied zu den Olympischen Spielen sehr deutlich. Markus hat es kürzlich richtig angesprochen: Warum muss das Feuer nach den Olympischen Spielen erst erlöschen, und dann kommen die Paralympics 14 Tage später quasi wieder aus dem Nichts? Man sollte die Olympischen mit den Paralympischen Spielen näher zusammenbringen, warum zum Beispiel nicht mit einem symbolischen Staffellauf?

Befürworten Sie auch gemeinsame Wettbewerbe, bei denen behinderte und nichtbehinderte Athleten parallel gegeneinander antreten, die Leistungen aber getrennt voneinander gewertet werden? Gerade Markus Rehm hat ja lange dafür gekämpft, auch bei Wettbewerben der Nichtbehinderten antreten zu können.

Steffi Nerius: Für Markus wäre das sicherlich eine tolle Sache, weil er mit seinen Weiten bei den Nichtbehinderten mithalten kann. Aber er ist da eine Ausnahme, den allermeisten Athleten würde man damit keinen Gefallen tun. Das ist auch gar nicht das Ziel des paralympischen Sports. Schauen Sie sich zum Beispiel Vanessa Low an, die mit ihrer Zeit über 100 Meter deutlich unter 16 Sekunden in ihrer Startklasse zur absoluten Weltklasse gehört. Aber bei den Olympischen Spielen würde sie mit einem Abstand von 5 Sekunden ins Ziel kommen, das wäre sicherlich nicht hilfreich und nicht zielführend. Ob man Olympische und Paralympische Spiele zur selben Zeit ausrichten könnte? Das stelle ich mir aus logistischer Sicht sehr schwierig vor, wäre aber ganz interessant. Aber da bin ich kein Experte.

In den letzten Jahren hat sich bereits sehr viel getan in der öffentlichen Wahrnehmung der Paralympics, was sich u.a. in der Berichterstattung ausdrückt. Die öffentlich-rechtlichen Sender werden umfangreich die Paralympics übertragen.

Steffi Nerius: Ja, das ist unglaublich. Ich bin seit 2002 Trainerin im Behindertensport. Es ist der Hammer, was seit der Zeit passiert ist. Einerseits auf Seiten der Medien, der PR oder bei der Erhöhung der Prämien, aber es ist auch viel im Behindertensport selbst passiert. Früher stand meist das Schicksal der Athleten im Vordergrund, heute ist es die Leistung. Und das ist faszinierend.

Ist somit die Förderung paralympischer Athleten zeitgemäß? Zuletzt wurde sie schon mal als Förderung "zweiter Klasse" tituliert. Als Mitglied im Sporthilfe-Gutachterausschuss und als Trainerin haben Sie den Einblick von zwei Seiten.

Steffi Nerius: Es ist leider so, dass schnell vergessen wird, was früher war. Die Olympischen Spiele der Neuzeit existieren seit 1896, Paralympics gibt es seit 1960. Heide Rosendahl hat als Olympiasiegerin und als das Gesicht der Olympischen Spiele 1972 in München von der Sporthilfe Gutscheine für Schnitzel bekommen. Ein Top-geförderter Behindertensportler, der studiert, kann heute bis zu 950 Euro im Monat Förderung erhalten: 150 Euro A-Kader-Förderung, 400 Euro als Mitglied des Top-Teams und 400 Euro aus dem Deutsche Bank Sport-Stipendium. Und einem Athleten in der Nachwuchselite-Förderung stehen nochmals bis zu 4000 Euro zusätzlich im Jahr zur Verfügung. Das ist doch hervorragend. Und alles entwickelt sich weiter.

Die Medaillenprämien wurden bereits an die Prämien der Nichtbehinderten angepasst.

Steffi Nerius: Das war ein wichtiges Signal für den Behindertensport, das wir vor den Winterspielen in Sotschi 2014 gesetzt haben. Es gibt sehr viele Disziplinen, bei denen paralympische Sportler den gleichen Aufwand betreiben müssen wie olympische, um erfolgreich zu sein. Da ist die Konkurrenzdichte sehr hoch und somit sind die Prämienzahlungen absolut gerechtfertigt. Allerdings werden bei den Paralympics keine Prämien für die Plätze 4 bis 8 ausbezahlt. Denn man muss auch sehen, dass in manchen Disziplinen die Breite noch nicht so vorhanden ist. Es gibt Disziplinen, in denen die Athleten direkt im Endlauf bzw. Endkampf sind. Heißt, die Athleten sind ohne Vorkampf bzw. Vorlauf direkt im Finale. Aber noch einmal: Die Entwicklung im Behindertensport in den vergangenen Jahren ist der Hammer! Und wir können uns auf tolle Leistungen unserer deutschen Athleten in Rio freuen.

Abdruck honorarfrei. Quelle: Deutsche Sporthilfe

Zur Person: Steffi Nerius (* 1. Juli 1972 in Bergen auf Rügen)

Steffi Nerius gewann 2004 bei den Olympischen Sommerspielen in Athen die Silbermedaille im Speerwerfen. 2009 wurde sie Weltmeisterin, nachdem sie bereits bei der Europameisterschaft 2006 ebenfalls die Goldmedaille gewonnen hatte. Seit dem Jahr 2002 ist die heute 44-Jährige als Trainerin beim TSV Bayer 04 Leverkusen im Behindertensport tätig, bei den Paralympics in Rio de Janeiro betreut sie die von ihr trainierten Athleten Markus Rehm (Weitsprung) und Franziska Liebhardt (Kugelstoßen/Weitsprung) und ist als Blocktrainerin für weitere Athleten in der Leichtathletik verantwortlich. Hauptamtlich hat sie inzwischen die Leitung des Sportinternats in Leverkusen übernommen. Seit 2010 ist sie zudem ehrenamtlich im Gutachterausschuss der Deutschen Sporthilfe tätig.

Sporthilfe-Gutachterausschuss

12 bis 15 Mal im Jahr kommen die ehrenamtlich arbeitenden Mitglieder zusammen, um in Abstimmung mit dem Vorstand die Fördermaßnahmen der Deutschen Sporthilfe zu beschließen - von der C-Kader-Förderung über die Bezuschussung von Nachholunterricht bis hin zu Leistungsprämien. Die Mitglieder: Dr. Christian Bassemir (Hockey), Petra Behle (Biathlon), Olaf Heukrodt (Kanu), Alexander Koch (Fechten), Steffi Nerius (Leichtathletik), Mark Warnecke (Schwimmen), Frank Wieneke (Judo), Dirk Schimmelpfennig (Vertreter des DOSB), Dr. Bernhard Flümann (ständiger Gast des BMI)

Zahlen zur Sporthilfe-Förderung der deutschen Athleten bei den Paralympics 2016

Die 148 Mitglieder der deutschen Paralympics-Mannschaft werden von der Deutschen Sporthilfe gefördert. Die finanzielle Gesamtförderung beträgt bislang über 4,2 Millionen Euro aus Mitteln der Deutschen Sporthilfe und des Deutschen Behindertensportverbandes. Die durchschnittliche Förderdauer liegt bei 9,0 Jahren (vor London 7,5 Jahre), mehr als jeder Dritte (36 Prozent) wird seit mehr als 10 Jahren von der Deutschen Sporthilfe gefördert. Die längste Förderhistorie hat der 51-jährige Tischtennisspieler Jochen Wollmert, der am 1. Januar 1986 und damit vor 30 Jahren und 9 Monaten in die Sporthilfe-Förderung aufgenommen wurde. Für den fünffachen Paralympicssieger sind es die siebten Paralympischen Spiele.

48 Athleten befanden sich vor den Paralympics in der Top Team-Förderung, dem Pendant zur Eliteförderung der olympischen Athleten. Sie erhalten monatlich 400 Euro, die aus Mitteln des Deutschen Behindertensportverbandes und deren Partnern Allianz und Deutsche Telekom, ebenfalls Nationaler Förderer der Deutschen Sporthilfe, bereitgestellt werden.

18 Athleten werden darüber hinaus über das Nachwuchselite-Programm der Deutschen Sporthilfe unterstützt. Der Förderumfang beträgt bis zu 4.000 Euro im Jahr. Die paralympische Nachwuchselite-Förderung wurde bisher von der Egidius-Braun-Stiftung finanziert, nach den Paralympics in Rio übernimmt die Bundesliga-Stiftung, die sich auch bereits in der Nachwuchselite-Förderung für olympische Athletinnen und Athleten engagiert, diese Finanzierung.

Insgesamt neun Athleten der deutschen Paralympics-Mannschaft wurden in der Vergangenheit mit dem Sonderpreis Behindertensport als Juniorsportler des Jahres ausgezeichnet, darunter der Preisträger von 2015, Johannes Floors (Leichtathletik/Sprint). Die Deutsche Post engagiert sich seit 2015 als "Nationaler Förderer" der Deutschen Sporthilfe und unterstützt insbesondere den Nachwuchs sowie die Juniorsportler des Jahres.

Unter den 148 Rio-Startern sind auch 27 Studenten, die zusätzlich mit monatlich 400 Euro durch das Deutsche Bank Sport-Stipendium gefördert werden.

Erstmals in der Geschichte der Sommerspiele sind die Medaillenprämien bei den Paralympics identisch mit denen bei Olympischen Spielen. Im Einzelnen werden Rio-Medaillengewinner wie folgt prämiert: Gold 20.000 Euro, Silber 15.000 Euro, Bronze 10.000 Euro.

Goldprämien-Entwicklung bei den Paralympics: 2000 in Sydney: 1.350 Euro 2004 in Athen: 3.800 Euro 2008 in Peking: 4.500 Euro 2012 in London: 7.500 Euro 2016 in Rio de Janeiro: 20.000 Euro

Nach den Spielen wird eine große Party für alle Medaillengewinner mit einer symbolischen Prämienübergabe stattfinden, die gemeinsam mit dem Deutschen Olympischen Sportbund als Prämienpartner und mit Unterstützung von Novomatic als Partner der Paralympics-Prämien ausgerichtet wird. Die Prämien werden dann von der Deutschen Sporthilfe über zwölf Monate ausgezahlt.

Neben den finanziellen Förderleistungen steht den paralympischen identisch zu den olympischen Athleten eine ebenso wertvolle ideelle Förderstruktur zur Verfügung, um zusammen mit der deutschen Wirtschaft die Zusammenarbeit mit Mentoren, den Zugang zu Praktika oder Bewerbungsprozessen sowie die Teilnahme am Sporthilfe Elite-Forum mit herausragenden Persönlichkeiten zu ermöglichen. Rund 150 Unternehmen beteiligen sich bereits an dem Modell.

"Nationale Förderer" der Deutschen Sporthilfe sind Deutsche Lufthansa, Mercedes-Benz, Deutsche Bank, Deutsche Telekom und Deutsche Post. Sie unterstützen die Deutsche Sporthilfe, die von ihr betreuten Sportlerinnen und Sportler und die gesellschaftspolitischen Ziele der Stiftung in herausragender Weise.

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