Vorstellung des UNESCO-Weltberichtes "Bildung für alle 2003/04" am 11. Dezember, 10 Uhr im Pressesaal des Bundespresseamtes Bonn
Bonn (ots) -
Im Mittelpunkt des zweiten UNESCO-Weltberichtes "Bildung für alle" (Education for All - EFA) stehen Geschlechterdisparitäten im Bildungswesen. In Dakar hat sich 2000 die internationale Staatengemeinschaft darauf geeinigt, bis 2015 die volle Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen in der Grund- und Sekundarschulbildung zu verwirklichen. In einer großen Zahl von Entwicklungsländern sind Mädchen und Frauen aber nach wie vor stark benachteiligt. Die Chancengleichheit bleibt ein schwer erreichbares Ziel für 54 Länder, darunter 16 Länder in Afrika südlich der Sahara, Pakistan, Indien und China.
Die Autoren untersuchen auch die Situation in Bezug auf die weiteren EFA-Ziele bis 2015: frühkindliche Betreuung, kostenfreie Grundschulbildung, Lernangebote für Jugendliche, Erwachsenen- Alphabetisierung und Bildungsqualität. Über 100 Millionen Kinder gehen nicht zur Schule; hinzu kommen eine große Zahl von Schulabbrechern. Etwa 862 Millionen Erwachsene sind Analphabeten, zwei Drittel davon Frauen. Ein wesentlicher Grund für mangelnden Schulbesuch ist der immense Druck auf den Kindern, zum Familieneinkommen beitragen zu müssen. 18 Prozent der 5 bis 14- Jährigen müssen arbeiten, entsprechend 211 Millionen Kindern, davon etwa die Hälfte Mädchen. Hohe Schulgebühren sind in 101 Ländern trotz des in den Menschenrechten festgelegten Rechtes auf kostenfreie Grundbildung ein weiterer Grund, warum Eltern ihre Kinder nicht zur Schule schicken. HIV/AIDS, Kriege und Gewalt sind weitere Ursachen, warum Mädchen von Bildung ausgeschlossen bleiben. Im südlichen Afrika und der Karibik sind 15 bis 19-jährige Mädchen vier- bis siebenmal stärker mit HIV/AIDS infiziert.
Erstmals wird im neuen EFA-Weltbericht mittels des "EFA Development Index (EDI)" für 94 Länder dargestellt, wo sie im EFA-Prozess stehen. Für die meisten Industrieländer, darunter auch Deutschland, liegt keine Bewertung vor, da sie keinen nationalen EFA-Mechanismus entwickelt haben. Den höchsten EDI erreicht Italien mit 0,990, gefolgt von Polen (0,989) und Estland (0,987), den niedrigsten Niger mit 0,439 hinter Guinea-Bissau (0,462).
Der regelmäßig erscheinende Weltbericht "Bildung für alle" wird im Auftrag der UNESCO von einem unabhängigen internationalen Expertenteam angefertigt, das u.a. auch vom BMZ unterstützt wird. Der Report ist Teil des follow-ups des Weltbildungsforums in Dakar 2000, bei dem sich 164 Länder verpflichtet haben, die sechs Dakar-Ziele für "Bildung für alle" bis zum Jahr 2015 zu erreichen. Alle Staaten, auch Deutschland, haben sich dazu verpflichtet, nationale EFA-Aktionspläne auszuarbeiten. Einen solchen Plan gibt es in Deutschland bislang noch nicht. Vier der sechs Dakar-Ziele betreffen Deutschland unmittelbar: Hierzulande gibt es keine geregelte Vorschulbildung, was sich nachteilig besonders für Kinder aus sozialen Problemlagen und mit Migrationshintergrund auswirkt. Nur 53 Prozent der 3-Jährigen und 78 Prozent der 4-Jährigen besuchen den Kindergarten. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland damit in der unteren Hälfte. Es dominiert die Halbtagsschule, wodurch soziale Problemfälle und Defizite elterlicher Erziehung nicht aufgefangen werden können. Zu viele Schüler bleiben sitzen, "Problemfälle" werden in die Hauptschule abgeschoben. Die Schule verstärkt soziale Ausgrenzung durch zu frühe Leistungsselektion, Jugendliche aus Einwandererfamilien können in Schweden, Finnland, der Schweiz oder Norwegen wesentlich besser lesen, schreiben und rechnen als hierzulande. Deutsche Lehrer werden unvorbereitet in Schulen mit hohem Anteil von Migrantenkindern entsandt. Ein Viertel der deutschen Schüler zählt zur Risikogruppe und kann am Ende der Schullaufbahn kaum lesen und schreiben. Hinzu kommen veraltetes Lehrmaterial und veraltete Lehrmethoden, mangelnde Lehrerbildung, schlechte Ausstattung, bürokratische Gängelung und zu geringe Eigenständigkeit der Schulen, zu starre Lehrpläne.
An die Präsentation des Berichtes schließt sich ein Pressefachgespräch an. Daran nehmen teil: Christopher Colclough (Direktor des EFA Global Monitoring Report Teams der UNESCO), Staatssekretär Erich Stather (BMZ), Dr. Traugott Schöfthaler, Generalsekretär der Deutschen UNESCO-Kommission, Dr. Adama Ouane, Direktor des UNESCO-Instituts für Pädagogik in Hamburg, und Rupert Maclean, Direktor des UNESCO-Berufsbildungszentrums UNEVOC in Bonn. Die Präsentation erfolgt im Rahmen der Präsentationen internationaler Berichte auf eine Initiative des Center for International Cooperation (CIC) Bonn GmbH. Eine Kurzfassung des Berichtes in deutscher Sprache hat das BMZ erstellt. Informationen in englischer Sprache: http://www.efareport.unesco.org/
ots Originaltext: Deutsche UNESCO-Kommission
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