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Stuttgarter Zeitung: Interview mit Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser: "Die IG Metall hat nicht alle Tassen im Schrank"

    Stuttgart (ots) - Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser zeigt sich bereit, mit der IG Metall rasch zu einem Tarifabschluss zu kommen. "Es gibt so viel Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung, dass es im Interesse aller liegen sollte, wenigstens an dieser Front Klarheit zu bekommen, wie es weitergeht", sagte er im Interview der "Stuttgarter Zeitung" (Dienstagausgabe). "Wir werden daher zügig verhandeln." Es sei auch der Wunsch der Arbeitgeber, dass die Mitarbeiter noch in diesem Jahr etwas von der vereinbarten Lohnerhöhung hätten. Ein Abschluss bis Mitte November sei daher "ambitioniert, aber nicht unmöglich".

    Kannegiesser warnte vor Streiks. "Wir lassen uns nicht erpressen", sagte er. "Ein Arbeitskampf fällt früher oder später als Boomerang auf die Gewerkschaft zurück: Die Betriebe verlieren Kunden, Aufträge, Beschäftigungschancen." Der Erfolg der Metall- und Elektroindustrie dürfe auf keinen Fall beschädigt werden, indem man neue Verunsicherung bei den Unternehmern schaffe. "Die hatten gerade erst wieder Vertrauen zu unserem Standort gefasst", sagte Kannegiesser. "Es darf nicht durch eine Mitgliederwerbekampagne der IG Metall aufs Spiel gesetzt werden."

    Der IG Metall wirft er mangelnde Flexibilität vor, weil sie die wirtschaftliche Entwicklung  ignoriere. Wie von den Unternehmen "muss man doch auch von einer modernen Industriegewerkschaft erwarten können, dass sie sich an ein verändertes Umfeld anpasst", sagte Kannegiesser. Sie bleibe aber stur bei dem, was den Wünschen eines Teils der Basis entspreche. Diese seien zu Beginn des Jahres entstanden und hätten sich dann verselbständigt. "Da hat die Führung der IG Metall die Aufgabe, die Lage zu erklären, statt Stimmungen zu bedienen", mahnte der Verbandschef. "Sie schädigt das System und kann es mittelfristig in Frage stellen."

    Die von der Gewerkschaft initiierte Gerechtigkeitsdebatte könne großen Schaden anrichten, weil sich in einer Tarifbewegung die Realität und die Fähigkeit zu einer Lösung spiegeln müssten. "Sich ausgerechnet die Metall- und Elektroindustrie als Beispiel für Ungerechtigkeit auszusuchen, ist nicht nachvollziehbar", betonte Kannegiesser. "Bei uns kann man objektiv nicht davon reden." Nur noch die Hälfte ihrer Forderung begründe die Gewerkschaft mit Daten und Fakten, die andere Hälfte mit Gefühlen. "Die IG Metall hat nicht alle Tassen im Schrank", sagte Kannegiesser. "Wir reden bei der Tarifrunde über die erwartete Leistungsfähigkeit unserer Industrie im kommenden Jahr und können nicht noch den Nachhall des letzten Jahres bedienen", erläuterte er. Für 2009 erwarte Gesamtmetall eine Stagnation. "Wir werden hoffentlich keinen Rückgang haben, aber wir werden auch nicht mehr wachsen", sagte er. Der Beschäftigungsaufbau dürfte 2009 erst mal zum Stillstand kommen.

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