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Lausitzer Rundschau: Debatte um Kindstötungen in Ostdeutschland: Verwahrlosung der Wortwahl

    Cottbus (ots) - Brandenburgs Sozialministerin Dagmar Ziegler sagte vor kurzem, die Nachrichten über den Tod von Neugeborenen durch die Hand der eigenen Mütter machten sie "sprachlos". Die Worte der SPD-Politikerin offenbaren ein Dilemma, für das auch die beste Politik keine einfache Lösung finden kann. Kindstötungen durch die Mutter sind nicht nur schwer zu begreifen, sie sind nirgendwo mit Sicherheit zu verhindern. Die jüngste Häufung solch schrecklicher Ereignisse im Osten der Republik mag auch in der Geschichte und in den besonderen Verhältnissen dieses Teils des Landes erklärbar sein - aber warum dies so sein sollte, hat bislang noch keiner schlüssig nachweisen können. Zu den erkennbaren Besonderheiten zählt allerdings, dass jetzt einigen politischen Führungskadern in Ostdeutschland das vernichtende Wort von der fortschreitenden "Verwahrlosung" einfällt: zunächst in Potsdam den Sozialdemokraten und dabei allen voran ausgerechnet Manfred Stolpe; und jetzt auch dem anhaltinischen CDU-Ministerpräsidenten Wolfgang Böhmer. Eine solche Wortwahl signalisiert allerdings genau das, was vermieden werden sollte in der traurigen Auseinandersetzung um den Tod dieser kleinen, schutzbedürftigen Menschen. Es macht die Taten zu kollektiven Schicksalsschlägen, begründet durch die Abwanderung oder die Arbeitslosigkeit oder die Zustände in der DDR. Und diese Wortwahl enthebt die Politik zu einem guten Teil der Verantwortung dafür, etwas zu tun. Dabei gibt es hinreichend Anhaltspunkte dafür, dass sehr wohl viel getan werden kann und getan werden muss. Denn Kindstötungen sind ja keinesfalls nur ein Geheimnis. Sie sind, wie jedes andere Verbrechen, mit hinreichender Mühe erklärbar und damit zwar nicht vollständig, aber in dem einen oder anderen Fall doch zu verhindern. Auffällig ist in der Debatte beispielsweise, dass der Schulbereich völlig außen vor bleibt. Die Täterinnen waren über viele, viele Jahre und auch nur wenige Jahre vor ihren Taten in der erzieherischen Obhut auch des demokratischen Staatswesens. Die Frage, wie sie dadurch geprägt wurden, drängt sich auf. Hinter vorgehaltener Hand sagen viele Politiker, dass sie dem Schulsystem insgesamt wenig zutrauen an kluger Begleitung des Reifeprozesses junger Menschen. Wir brauchen bessere Antworten auf viele offenen Fragen, die sich in diesem Zusammenhang aufdrängen. Wir sollten beispielsweise wissen, ob den jungen Frauen nahe gebracht wurde, dass es immer wenigstens einen Menschen, wenigstens eine Institution gibt, der man sich in seelischer Not, in Panik und Zukunftsangst anvertrauen kann. Das zu vermitteln, diese altmodische Form der Heimatkunde, gehört zu den wichtigsten Aufgaben einer jeden Schule und oft gelingt dies ja auch. Das Totschlagsargument von der allgemeinen Verwahrlosung aber leugnet auch diese Tatsache. Dass es von Politikern kommt, die jahrelang an der Spitze standen oder stehen, ist ein erschreckendes, überflüssiges Armutszeugnis.

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