Freie Presse (Chemnitz): Freiberger Wissenschaftler dämpft Euphorie über Bodenschätze in Afghanistan

Chemnitz (ots) - Freiberger Wissenschaftler dämpft Euphorie über Bodenschätze am Hindukusch

Wissenschaftler: Bodenschätze in Afghanistan sind "Schnee von gestern"

Freiberg. Die zu Wochenbeginn von den USA verbreiteten neuen Erkenntnisse über ungeheuere Mengen von Bodenschätzen in Afghanistan sind von einem Wissenschaftler der TU Bergakademie Freiberg als Schnee von gestern bewertet worden. Lothar Ratschbacher, Professor am Institut für Geologie, stellte im Gespräch mit der in Chemnitz erscheinenden "Freien Presse" klar, dass lediglich eine Neubewertung von Erkenntnissen aus den 1960er und 1970er Jahren erfolgt sei. Sowohl deutsche, vor allem aber Wissenschaftler der Sowjetunion hätten die Region damals geologisch erforscht. Die TU Bergakademie, die auf dem Weg ist, sich als Ressourcen-Universität zu etablieren, sei gegenwärtig in ein Forschungsprojekt zur Entstehung des Pamir-Tibet-Plateaus eingebunden. Die Wissenschaftler wollen erkunden, wie das größte Plateau der Erde entstanden ist, um daraus Rückschlüsse auf mögliche Lagerstätten zu ziehen. Weitere geologische Expeditionen Freiberger Forschen starten in Kürze. Sie wollen 1,5 Tonnen Gesteinsproben nach Freiberg holen und analysieren. 2011 ist ein Projekt direkt in Afghanistan geplant.

In der Folge stellt "Freie Presse" das in der Ausgabe vom 17. Juni erscheinende Interview zur Verfügung.

Wissenschaftler dämpft Euphorie über Goldrausch am Hindukusch

TU Bergakademie Freiberg befasst sich seit Jahren mit Bodenschätzen im Pamir - Im Sommer startet neue Expedition

Freiberg. Die Nachricht von "einem atemberaubenden Potenzial" an Bodenschätzen in Afghanistan ist an der TU Bergakademie eher verhalten aufgenommen worden. Die sächsische Einrichtung, die sich als die Ressourcenuniversität Deutschlands etabliert, befasst sich schon lange mit der Geologie dieser Region. Maßgeblich daran beteiligt ist Lothar Ratschbacher von der Professur für Tektonik. Er arbeitet seit 1999 in Freiberg. Mit dem Österreicher sprach gestern Gabi Thieme.

Freie Presse: Warum schmunzeln Sie bei so sensationellen Meldungen? Lothar Ratschbacher: Erstens gab es keine neuen Untersuchungen durch amerikanische Geologen. Und schon gar nicht wurden systematische Untersuchungen vor Ort durchgeführt. Es ist vielmehr eine wissenschaftliche Neubewertung geologischen Materials, vor allem von Karten, aus der Zeit der Sowjetunion erfolgt. Die UdSSR hatte Afghanistan vor allem in den 1970er Jahren systematisch geologisch erforscht - übrigens aufbauend auf deutschen Arbeiten, die vor allem in den 1960er Jahren, in einer friedlicheren Epoche in Afghanistan, durchgeführt wurden. Die jetzt verbreiteten Untersuchungen führte der geologischen Dienst der USA durch, das ist eine Art Bundesanstalt für Rohstoffe und Geowissenschaften der Vereinten Staaten. Dazu kamen noch neuere Untersuchungen aus der Luft mittels Satellit und Flugzeug, die aber für eine Bewertung von Mineralvorkommen nicht aussagekräftig sind.

Freie Presse: Was uns als Neuigkeiten mitgeteilt wurde, ist also für Sie Schnee von gestern? Ratschbacher: So ungefähr. Das ergibt sich daraus, dass die geologischen Bedingungen Afghanistans auch in den Ländern Tadschikistan, im Nordteil Pakistans und im Westen Chinas anzutreffen sind. Und diese Gebiete kennt man und kennen wir viel besser als Afghanistan.

Freie Presse: Woher kennen Sie die? Ratschbacher: Meine Gruppe arbeitet seit 1993 im angrenzenden Pamirgebirge, das zu Tadschikistan, Kirgistan und China gehört. Zurzeit laufen dort zwei Projekte. Eines ist ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Projekt, in dem Wissenschaftler der Universitäten Freiberg, Jena und vom Geoforschungszentrum Potsdam geologische und geophysikalische Untersuchungen zur Entstehung des Pamir-Tibet-Plateaus durchführen.

Freie Presse: Was hat das mit Erkenntnissen über vermutete Rohstoffvorkommen zu tun? Ratschbacher: Nur wenn man weiß, wie ein Gebirge oder in diesem Fall das größte Plateau der Erde entstanden ist, weiß man um die Prozesse, die zur Bildung einer Lagerstätte führen und wo sich solche befinden. Bestimmte Vorkommen gibt es nur in ganz bestimmten Gesteinen.

Freie Presse: Sie sprachen gerade von zwei Forschungsprojekten? Ratschbacher: Ja, in diesen Wochen ist ferner eine zehnköpfige Freiberger Gruppe im afghanisch-tadschikischen Becken unterwegs. Diese Forschung wird von der französischen Ölfirma Total finanziert und zielt auf eine Analyse möglicher Erdgasvorkommen. Man versucht, die Vorkommen neu zu bewerten. Ölkonzerne müssen langfristig, also fünf bis zehn Jahre im Voraus planen, genau abwägen, ob und wann sie die Konzession zur Förderung erwerben.

Freie Presse: Reiche Mineralvorkommen sind nur ein Aspekt. Der wirtschaftliche Abbau und Verkauf sowie die politische Situation der andere. Ratschbacher: So ist es. Das sieht man auch daran, dass zurzeit kein Bergbau in jenen Bereichen Tadschikistans, Pakistans und Chinas betrieben wird, die ähnliche geologische Bedingungen wie Afghanistan aufweisen. Aktive Gold- und Kupferminen finden sich nur weiter nördlich im Tien Shan. Am Tibetplateau gibt es auch bedeutende Salzseen. Sie enthalten Lithium, den Rohstoff der Zukunft. Die Seen liegen in etwa 5000 Meter Höhe. Viele Gebiete des Plateaus sind so unzugänglich, dass dort bisher viel weniger Menschen als in der Antarktis waren. Es ist unglaublich aufwändig, diese Lagerstätten zu erforschen, zu erschließen und wirtschaftlich zu betreiben. Selbst dann, wenn es eine große Nachfrage aus dem Boomland China gibt.

Freie Presse: Haben Sie noch mehr solcher Beispiele? Ratschbacher: Reiche, bereits genau untersuchte Kupfer- und Goldvorkommen gibt es zum Beispiel in Südtibet, in geologischen Gebieten, wie man sie auch in Afghanistan findet. Aber auch diese werden zurzeit nicht weiter aufgeschlossen, obwohl bereits eine neue Bahnlinie diesen Raum mit Westchina verbindet.

Freie Presse: Warum nicht? Ratschbacher: Dazu müssen der Weltmarktpreis steigen und sich die chinesische Politik ändern. Denn China behält sich ganz bewusst strategische Reserven vor. Für Afghanistan gilt, dass dort zuerst einmal die Infrastruktur aufgebaut werden muss, um nach einer langen Phase der Neuerkundung und Erschließung zu einer wirtschaftlichen sinnvollen Verwertung zu kommen. Dort fehlt es an allem.

Freie Presse: Dazu kommt doch sicher auch die politische Situation? Ratschbacher: Auf jeden Fall. Total weiß genau, dass es auch mittelfristig keinen Sinn macht, Erdgas aus dem afghanisch-tadschikischen Becken zu fördern, da es problematisch ist, die Vorräte zu vermarkten. Die Firma finanziert nur eine Ausweitung unserer Grundlagenforschung. Im Fall von politisch-ökonomischen Änderungen will man aber reagieren können.

Freie Presse: Sie werden in Kürze wieder in diese Region reisen? Ratschbacher: Es werden in diesem Sommer drei Gruppen zeitversetzt jeweils drei bis vier Wochen unterwegs sein. Sie arbeiten genau nordwestlich der gold-, eisen- und kupferreichen afghanischen Provinzen Badachshan und Wachan, und zwar in der tadschikischen Provinz Gorny-Badakshan. Wir werden Gesteinsproben entnehmen und pro Expedition etwa eine halbe Tonne als Luftfracht mit nach Freiberg bringen. Die Proben werden dann hier analysiert. Das alles ist ein auf 1,5 Jahre angelegtes Forschungsprojekt.

Freie Presse: Und 2011 steht tatsächlich Afghanistan auf dem Plan? Ratschbacher: Wir sind natürlich nicht lebensmüde und werden uns als Geologen nicht in verminte Gebiete begeben. Wir planen eine Expedition in die afghanische Provinz Wachan. Das ist ein Korridor, in dem es keine Kämpfe gibt. Wir arbeiten dazu auch mit der Aga-Khan-Stiftung zusammen. Das ist eine nichtstaatliche Entwicklungshilfsorganisation, die neben Schulen dort auch eine neue Universität baut. Wir bilden in Freiberg zum Beispiel Wissenschaftler aus diesen zentralasiatischen Ländern aus, die dort als Dozenten arbeiten werden.

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