"Die Nationalhymne der USA zu hören, war ein schönes Gefühl." - US-Coach Jürgen Klinsmann im Exklusivinterview mit Yahoo! Eurosport
München (ots) - Jürgen Klinsmann im Exklusivinterview mit Yahoo! Eurosport über seine Arbeit mit der neuen Mannschaft, seinen Alltag und seine Ziele.
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Das Interview im Wortlaut, freier Abdruck mit Nennung der Quelle "Yahoo! Eurosport":
Yahoo! Eurosport: Herr Klinsmann, Sie sind einer der Trainer von Nationalmannschaften, die nicht dieselbe Nationalität haben, wie das Land, das sie trainieren. Was haben Sie gefühlt, als Sie das erste Mal die Hymne gehört haben?
Jürgen Klinsmann: Die Nationalhymne der USA zu hören, war ein schönes Gefühl. Meine Familie ist mehr amerikanisch als deutsch. Meine Frau ist ohnehin Amerikanerin, und meine Kinder sind hauptsächlich in Kalifornien aufgewachsen. Als ich zum ersten Spiel die Hymne an der Seitenlinie miterlebt habe, war das schon etwas Besonderes. Das hat mich stolz gemacht.
Wie sieht Ihr Alltag aus?
Klinsmann: Es sind lange, aber schöne Arbeitstage. Für einen Nationaltrainer ist es normal, dass er viel telefoniert und über E-Mails und SMS kommuniziert. Es steckt viel Korrespondenz in der Arbeit, man muss mit den Spielern und Verantwortlichen in Kontakt bleiben. Das ist natürlich auch faszinierend - man hat immer ein Auge auf die verschiedenen Ligen. Letztlich werden die Spieler in den Klubs geformt, wir nehmen sie mit dieser Basis auf. Außerdem planen wir jetzt schon unseren Kalender für 2012 und 2013 mit der Hoffnung, uns für die WM 2014 in Brasilien zu qualifizieren.
Sie sind ein Prozesstrainer. Bei der DFB-Elf hat Ihr Prozess gewirkt, in München wurde er beendet. Ist die Tätigkeit als Nationaltrainer für Sie sinnvoller?
Klinsmann: Es ist immer faszinierend, egal ob man einen Klub oder eine Nationalmannschaft trainiert. Die Arbeit dreht sich in erster Linie um den menschlichen Umgang mit Spielern - und der macht einfach Spaß. Wenn man selbst Fußballer war, das in sich trägt und auch den Antrieb hat, Spiele gewinnen zu wollen, sind Ergebnisse immer wichtig. Nur so kann Glaubwürdigkeit und Selbstvertrauen geschaffen werden. Daher haben wir das Bestreben, selbst wenn sich der Prozess langfristig entwickeln muss, unsere Spiele zu gewinnen. Man muss die Balance zwischen Entwicklung und Erfolg finden.
Welche Spielphilosophie verfolgen Sie mit den USA?
Klinsmann: Wir müssen uns dem anpassen, was die Weltspitze spielt. Deutschland, Spanien, Holland oder Frankreich können ein gewisses Tempo spielen, daran orientieren wir uns. Wir möchten aber auch einen Stil entwickeln, der zu Amerika passt und den Amerikanern das Gefühl gibt, dass sie sich mit dieser Mannschaft identifizieren können. Ein Amerikaner hat grundlegende Eigenschaften: Er ist ambitioniert, ungeduldig und reagiert nicht gerne auf seinen Gegner. Er diktiert die Dinge gerne selbst und attackiert. Deswegen hoffen wir, dass wir uns qualitativ dort hinarbeiten, wo andere Nationen schon sind. Ziel ist es, sie dann auch irgendwann zu schlagen.
Wo steht der Fußball generell in Amerika?
Klinsmann: Die Liga ist finanziell und von der Infrastruktur her stabil, da gibt es keine Risiken mehr. Die große Erwartung ist jetzt, das Produkt Fußball auf ein besseres Niveau zu bekommen. Dafür wird viel investiert. Große Spieler wie Thierry Henry, Robbie Keane oder David Beckham bereichern die Liga. Aber das Spiel an sich muss noch besser werden.
Ist Beckham nicht schon eher ein Auslaufmodell?
Klinsmann: David Beckham ist eine ganz besondere Persönlichkeit. Er kann viel zu einem Umfeld beitragen. Er hat unvorstellbar viel für den amerikanischen Fußball geleistet. Beckham hat unglaubliche Stärken, die Schwächen, die er hat, muss ein anderer abdecken. Aber man wird bei der Person David Beckham immer wieder überrascht. Ich finde es faszinierend, was er in seiner Karriere geleistet hat. Er hat das große Ziel, bei den Olympischen Spielen 2012 in London zu spielen, das traue ich ihm auch zu.
Wie sehr haben Sie damit zu kämpfen, dass der Fußball in den USA nicht die Sportart Nummer eins ist?
Klinsmann: Football, Basketball, Baseball und Eishockey liegen weit vor dem Fußball, das ist uns bewusst. Aber das ist kein Problem. Das Land ist so groß und hat über 300 Millionen Einwohner. Das beinhaltet natürlich eine große Interessenvielfalt, die auch Platz bietet. Millionen von Kindern spielen Fußball, die Profiliga hat 19 Vereine mit Investoren, die sich weltweit sehen lassen können. Das Medieninteresse wächst, wir haben allein fünf Fußball-Kanäle im Fernsehen. Der Fußball kann also nur wachsen. Er wird in den nächsten Jahren immer wichtiger.
In Ihr Gebiet fällt auch Talentförderung. Wie schwierig gestaltet sich die, vor allem auch wegen des klassisch amerikanischen College-Systems?
Klinsmann: Da findet jetzt eine Umwandlung statt, in der alles, was für die jungen Spieler gemacht wird, nicht nur an Universitäten, sondern auch in Vereinen stattfindet. Das Schulsystem ist mehr und mehr außen vor. Die richtigen Talente müssen dies gar nicht mehr durchlaufen. Sie gehen direkt in den Profibereich. Das ist eine Neuheit der letzten Jahre. Für mich besteht jetzt die reizvolle Aufgabe darin, für echte Talente den Sprung in den Profibereich zu ermöglichen. Die erste Stufe ist dabei die MLS, dann muss das Ziel Europa sein. Dort wird nun mal die Musik gespielt.
In diese Richtung geht auch die Maßnahme, die Sie im Moment durchführen. Parallel zu den Spielen der A-Elf in Frankreich und Slowenien, ist die U23 in Deutschland in einem Trainingslager in der Nähe von Hoffenheim, wo sie zuletzt einige Spieler für das US-Team gewinnen konnten. Müssen Rainer Adrion oder Jogi Löw Angst haben, dass demnächst alle U21-Nationalspieler mit amerikanischem Migrationshintergrund in die A-Nationalmannschaft der USA wechseln?
Klinsmann: Nein. Aber es ist natürlich aus amerikanischer Sicht eine interessante Entwicklung. Es bildet sich eine Generation heraus, die aus Militärkindern besteht. Das sind Kinder, die aufgrund der Stationierung amerikanischer Truppen in verschiedensten Ländern die jeweiligen Jugendsysteme durchlaufen haben und jetzt richtig gut Fußball spielen. Die wollen wir natürlich aufnehmen und beobachten die Entwicklungen.
Das heißt konkret?
Klinsmann: Man sieht es an unserem Kader für das Spiel gegen Frankreich. Da sind vier Spieler dabei, die eben einen solchen Hintergrund haben. Timothy Chandler, Danny Williams, Fabian Johnson und Alfredo Morales sind eigentlich mehr europäisch als amerikanisch und verfügen über eine Menge Qualität. Andere Länder wie beispielsweise Frankreich haben solche Entwicklungen anders durchgemacht. Die Franzosen haben 1998 mit Zinedine Zidane, Youri Djorkaeff oder Lilian Thuram die WM gewonnen. Oder Deutschland hat vor der WM 2006 Lukas Podolski und Miroslav Klose ins Team geholt, mit Sami Khedira oder Mesut Özil ging es weiter. Da spielt die Globalisierung eine immer größere Rolle. Wir haben ein weltweites Scouting-System, das die Entwicklungen genau beobachtet. Wenn wir also beispielsweise in Buenos Aires einen Jungen finden, der gut Fußball spielt und Halb-Amerikaner ist, werden wir ihn einladen.
Sie planen, Spieler im Winter in Europa zu "parken". Wie soll das funktionieren?
Klinsmann: Die Liga in den USA geht nur von März bis November. Für Nationalspieler ist das nicht ausreichend. Die müssen elf Monate im Jahr spielen, sonst verlieren sie zu viel an körperlicher Substanz. Daher möchte ich, dass die Nationalspieler, die noch in den USA spielen, nach dem Saisonende drei bis vier Wochen weiter trainieren. Das läuft natürlich unter der Regie von europäischen Trainern und Klubs am besten. Dort können die Spieler viel lernen und im Dezember können sie dann in ihren wohlverdienten Urlaub gehen. Im Januar ziehe ich sie schon wieder alle zusammen.
Gibt es schon Kooperationen?
Klinsmann: Wir haben inzwischen ein weites Netz an Verbindungen aufgebaut, ob zu Bundesliga-Klubs oder in die Premier League. Die Spieler sind im Prinzip eingeteilt. Wir haben mit Brek Shea ein besonderes Talent. Shea ist ein 21-jähriger Außenstürmer und bei ihm haben wir die Zustimmung von Arsène Wenger, dass er bei Arsenal London ein paar Wochen trainieren darf. Das sind für uns natürlich Highlights. Ich glaube, da haben die Spieler auch gemerkt, dass ich mit ein paar Telefonaten einiges in Gang setzen kann. Letztlich hängt aber alles von der Bereitschaft der Vereine ab, unsere Spieler aufzunehmen. Aber: Die Talente und die Qualität werden immer besser und dadurch wird der amerikanische Markt für europäische Klubs interessanter.
Das Interview finden Sie auf Yahoo! Eurosport unter http://ots.de/855k5.
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