Reader's Digest Deutschland

"Wir brauchen eine Wiederbelebung des Bolzfußballs"
Jürgen Klinsmann fordert eine radikale Reform der Nachwuchsförderung, damit Deutschland wieder in die Weltspitze kommt

Stuttgart (ots) - Jürgen Klinsmann, einer der erfolgreichsten und populärsten deutschen Sportler, fordert eine grundlegende Reform der Nachwuchsförderung im deutschen Fußball: "Wir brauchen eine Wiederbelebung des Freizeit- und Bolzfußballs", schreibt der 37-Jährige in einem Exklusiv-Beitrag für das Magazin Reader's Digest (April-Ausgabe). Nur dann könne der deutsche Fußball den Weg zurück in die Weltspitze finden. Außerdem gelänge es so gleichzeitig, die Kinder wieder zu mehr Bewegung zu animieren. Klinsmann: "Bewegung steigert die Konzentration und verbessert die Leistungsfähigkeit im Alltag." Der Sohn einer Stuttgarter Bäckerfamilie, der einst beim VfB Stuttgart und FC Bayern München sowie im Ausland für Inter Mailand und Tottenham Hotspurs spielte, sieht hausgemachte Gründe für die Misserfolge der deutschen Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren: "Wir müssen feststellen, dass wir keine Kreativ-Fußballer mehr hervorbringen à la Beckenbauer, Netzer, Häßler, Schuster oder Littbarski." Die immer wieder gehörte Begründung, die neu formulierte Ausländer-Regel sorge erst dafür, dass viele Vereine mehr ausländische Spieler und damit weniger eigene Nachwuchsakteure einsetzen, hält Klinsmann für eine Ausrede: "Die Ursprünge für unseren Talentmangel liegen viel länger zurück." Vereine und Verbände hätten sich zu Glanzzeiten des deutschen Fußballs nicht ausreichend um die Ursachen dieser Entwicklung gekümmert. Klinsmann, der bei der bevorstehenden Fußball-WM im Juni in Japan und Südkorea für das ZDF als Co-Kommentator tätig sein wird, fordert deshalb ein Umdenken nach dem Motto "zurück zu den Wurzeln". Niemand dürfe sich wundern, dass "immer mehr Jugendliche unter Bewegungsarmut und Gesundheitsproblemen leiden", wenn in den Parks vielerorts das Schild "Rasen betreten verboten" stehe. Große Defizite sieht der ehemalige Stürmer, der seine aktive Karriere nach der Weltmeisterschaft 1998 beendete, auch in den Schulen. Im Vergleich zu anderen Ländern spiele der Sportunterricht hier zu Lande eine weniger bedeutende Rolle: "Und wenn im Schulbereich gespart werden muss, ist nicht selten zuerst der Sport betroffen." Klinsmann fürchtet, der Fußball werde seine große soziale Rolle zunehmend verlieren. In einer Welt von Fernsehen, Video und Internet müsse der Sport versuchen, "die Jugendlichen in ihrer Erlebnis- und Sprachwelt zu erreichen". Umso wichtiger sei es deshalb, das Vereinsheim als Treffpunkt nach dem Training und Spiel wieder mit Leben zu erwecken. Zudem müsse der Verein Vorreiter bei der Integration von ausländischen Jugendlichen sein. Im Zusammenspiel würden die Jugendlichen obendrein ihre Aggressionen abbauen. Doch die Entwicklung, und das beklagt Klinsmann, laufe zunehmend weg vom kollektiven Erlebnis und hin zur individuellen Förderung. "Überehrgeizige Trainer und Eltern brüllen auf den Nachwuchs ein, üben Druck auf ihn aus, weil sie ihren eigenen Drang nach Anerkennung auf dem Rasen verwirklicht sehen wollen." Er sieht hierin einen folgenschweren Trend: "Viele Jugendliche kehren dem Verein den Rücken, weil sie keine Lust mehr haben, sich dem Geschrei und der Devise ‚Sieg um jeden Preis' auszusetzen." In den USA habe es im vergangenen Jahr einen so genannten "silent sunday" gegeben; an diesem stillen Sonntag war Eltern und Trainern jeglicher Kommentar untersagt. Klinsmann zeigt sich begeistert: "Noch nie hatten die Kinder so viel Spaß." Der frühere Stürmer-Star, der mittlerweile mit seiner Familie in Kalifornien lebt, spricht sich in seinem Beitrag für Reader's Digest deshalb für mehr Kreativität und Experimentierfreudigkeit in der Nachwuchsförderung aus, um den kindlichen Instinkt zu wahren. Eine der Hauptgründe für die Talfahrt der deutschen Talentförderung sei das Verschwinden des Straßenfußballs. Während deutsche Kinder schon frühzeitig in organisierte Strukturen kämen, würden die Kinder in anderen Ländern wie Brasilien und Argentinien von klein auf die Straße als Fußballplatz nutzen und erst zu einem späteren Zeitpunkt organisiert sein: "Deshalb haben sie ihre technischen und kreativen Fähigkeiten bis dahin bereits auf der Straße oder dem Bolzplatz selbst entwickeln können." Früher sei auch in Deutschland stundenlang jeden Tag auf dem Bolzplatz, der Wiese, dem Hinterhof oder der Straße gespielt worden. Heute gebe es nur noch einige wenige Trainigseinheiten im Verein. Niemand dürfe sich also wundern, so Klinsmann, "dass die technische Qualität unseres Nachwuchses nicht mehr auf allerhöchstem Niveau ist". Klinsmann hält Trainern und Eltern vor, "den Kindern das Fußballspielen vorgeben und beibringen zu müssen". Weiter schreibt er: "Das besitzergreifende Verhalten der Erwachsenen unterdrückt den kindlichen Instinkt. Kreativität, Experimentierfreude oder Persönlichkeit - all dies kann man niemandem beibringen; es muss sich von alleine entwickeln." Eine Reform der Nachwuchsförderung sei deshalb überfällig. Dafür müsse Deutschland allerdings bereit sein, über die Grenzen hinweg zu schauen. Bisher sei man jahrelang "mit der Arroganz aufgetreten, alles besser zu wissen". Nun aber müsse man feststellen, dass Länder wie Frankreich "uns den Rang abgelaufen haben" und immer mehr Talente von dort in die europäischen Top-Ligen kommen. Klinsmanns Appell: "Offenheit und Neugier würden uns hier sicherlich helfen." Fußball sei zwar nach wie vor der Deutschen liebstes Kind. "Aber nur wenn wir gemeinsam eine neue Entwicklung lostreten, werden wir diese Faszination erhalten." Für nähere Informationen zu diesem Reader's Digest-Thema stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung. Die April-Ausgabe von Reader's Digest ist ab dem 25. März an zentralen Kiosken erhältlich. Pressemitteilung zum Download: http://www.readersdigest.de. Auf Presseservice klicken (Rubrik Magazin Reader's Digest) ots Originaltext: Reader's Digest Deutschland Im Internet recherchierbar: http://www.presseportal.de Bei Rückfragen: Reader's Digest Deutschland: Verlag Das Beste GmbH Öffentlichkeitsarbeit: Uwe Horn Augustenstr. 1, D-70178 Stuttgart Tel. +49 (0) 711/6602-521, Fax +49 (0) 711/6602-160, E-Mail: presse@readersdigest.de Original-Content von: Reader's Digest Deutschland, übermittelt durch news aktuell

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