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Düsseldorf (ots) - Ich bin ein großer Freund der USA. Dieser unbändige Wille zu Freiheit und Fortschritt, die Lebensfreude, der Glaube einer ganzen Nation an den (Wieder-)Aufstieg nach einer Niederlage ringen mir Respekt und Anerkennung ab. Seit einigen Jahren schmilzt meine Liebe zu den Vereinigten Staaten jedoch wie ein Schoko-Cupcake in der sengenden Hitze Nevadas. Guantanamo, Irak, Abu Ghraib, der Allmachtsanspruch der US-Geheimdienste sind die Stichworte zu dieser Entwicklung. Nun ist gestern unser USA-Korrespondent Frank Herrmann auf dem Bürgersteig von Ferguson, einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Missouri, verhaftet worden. Er recherchierte dort über die Unruhen, die entstanden waren, nachdem vor zehn Tagen ein weißer Polizist einen schwarzen Jugendlichen erschossen hatte. Herrmann war am frühen Nachmittag auf einer menschenleeren Straße auf dem Weg zu einer Tankstelle, die offenbar in Brand gesteckt worden war. Die Polizisten sahen ihn und einen Kollegen und forderten sie auf, schneller zu gehen. Als Herrmann fragte, warum, klickten die Handschellen. Frank Herrmann ist ein erfahrener und anerkannter Reporter. Seit Jahren berichtet er für uns aus den USA. Er geht tief hinein in seine Geschichten, recherchiert akkurat. Zu weit geht er nicht. Herrmann, 55 Jahre, trug seinen Presseausweis sichtbar vor der Brust. Er arbeitet mit einem Journalisten-Visum. Auch das hätten die Beamten mit einem Blick in ihren Computer sehen können. Nach drei Stunden Haft wurde er freigelassen. Ohne Begründung. Eine Anklage gibt es bis jetzt nicht. Kein Dokument. Ich dachte an China oder Russland, als Herrmann mir diese Geschichte erzählte. Ich weiß nicht, ob der weiße Polizist mit seinen Schüssen auf den Jugendlichen überreagierte oder in akuter Lebensgefahr war. Das müssen die Justizbehörden klären. Ich weiß auch nicht, ob die Polizei in Ferguson nach den Unruhen überarbeitet, nervös und schlicht mit den Nerven am Ende ist. Dass in den Vereinigten Staaten aber das Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit und die sie überwachenden Funktionsträger erheblich gesunken ist, zeigen alleine die Wucht der Demonstrationen und die internationale Debatte. Die hässliche Seite Amerikas kommt wieder zum Vorschein. Auch im Ausland. Rassenunruhen. Polizeiwillkür, Freiheitsberaubung. Es war Thomas Jefferson, der dritte Präsident der USA, der die Freiheit als "selbstverständliche Wahrheit" in die Unabhängigkeitserklärung schreiben ließ. Es wird Zeit, dass sich die USA wieder ihrer Gründerväter besinnt. Sonst verliert dieses große Land weitere Freunde. Viel wichtigere vielleicht.

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