Rheinische Post: Wo bleibt ein zweiter Johannes XXIII.? = Von Reinhold Michels

Düsseldorf (ots) - Am Tag nach dem "Blitz aus heiterem Himmel" (Kardinaldekan Sodano) mischten sich in die weltweit geäußerten Bezeugungen großen Respekts für Benedikt XVI. kritische Stimmen darüber, dass ein Heiliger Vater seine Vaterschaft aufgibt. Bei allem menschlichen Verständnis für die wohl erwogenen Gründe des 85-jährigen Papstes: Die Bedenken gegen diese Art Entmystifizierung des Petrusdienstes sind von Gewicht. Hier ist ein Hauch von Verweltlichung statt Entweltlichung zu spüren. Die Bedenken wiegen aber nicht so schwer wie die klugen Argumente der Vernunft, von denen sich Benedikt leiten ließ. Sein Lebensthema war und ist die Versöhnung von Religion und Ratio. Viele sagen nun, dass die beinahe revolutionär anmutende Entscheidung zur Amtsaufgabe die Papst-Kirche nachhaltig verändern werde. Dazu ließe sich anmerken: Wäre das denn nicht auch gut? Die Kirche wird und muss der Fels in der Brandung bleiben, sie hat notfalls dem gerade wehenden Zeitgeist zu widerstehen, zumal derjenige, der den Zeitgeist heiratet, meist schnell Witwer wird (Kardinal Marx). Aber auch diese Einsicht drängt sich auf: Ob es besser wird, wenn es anders wird, steht dahin; aber so viel lässt sich sagen: Es muss anders werden, wenn es gut werden soll (G. Chr. Lichtenberg). In seinem Buch "Schafft sich die Kirche ab?" beklagt der Katholik und Unternehmensberater Thomas von Mitschke-Collande ein anschwellendes Murren des Kirchenvolks; vor allem engagierte und kirchennahe Laien hätten begriffen, dass es so nicht weiter gehen dürfe. Kardinal Lehmann schreibt in seinem Vorwort von einem "aufrüttelnden Buch". Die römische Weltkirche braucht an ihrer Spitze einen konservativen Reformer, einen zweiten Johannes XXIII. Dieser war 1958 als alter Patriarch von Venedig ins Amt gekommen. Mit seinem Charisma und seiner Herzensgüte wurde er zum Menschenfischer, und obendrein machte er Geschichte als Konzilspapst, der die römischen Fenster aufriss, ohne die katholische Statik zu beschädigen. Der 2012 verstorbene große Mailänder Kirchenmann und Jesuit Carlo Maria Martini sagte kurz vor seinem Tod, die Kirche im wohlhabenden Europa und Amerika sei müde geworden. Die Kirchengebäude seien groß aber leer, und der bürokratische Apparat blähe sich auf. Martini fragt sodann in seinem provozierenden geistlichen Testament: "Wo sind die Helden und Vorbilder, die uns motivieren und inspirieren?" Die Kardinäle haben nun dank Papst Benedikts Verzicht die große Chance, Martini eine Antwort zu geben, die hoffen lässt.

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