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Rheinische Post: Lehren aus Winnenden Kommentar Von Sven Gösmann

    Düsseldorf (ots) - Amok, das Wort stammt aus dem Malaiischen, meint das Töten im Zustand der Raserei. Insofern beschreibt der Begriff Amoklauf das Ereignis von Winnenden unzureichend. Der Todesschütze handelte kaltblütig, er war kein Berserker, sondern ein kalkuliert Tötender. Der erste, geplante Teil seiner Tat war Vorbildern aus Amerika und Erfurt nachempfunden, das Vorgehen vor dem Computerbildschirm geübt  mit so genannten Spielen der Kategorie "Ego-shooter". Das ist kein zufälliger Genre-Titel. Es handelt sich um Computersimulationen der gezielten Tötung von Menschen durch den einsamen, zum Helden stilisierten Rächer vor dem Bildschirm. Irgendwann, wie in Winnenden, Erfurt oder Emsdetten, sind die hunderte Kugeln, die einer abfeuert, nicht mehr virtuell. Sie töten, sie schlagen eine Schneise psychischer Verwüstung in das Leben Tausender. Der Satz, mit dem wir die Folgen von Tod und Terror seit dem 11. September beschreiben, lautet nicht umsonst: Nichts wird mehr so sein, wie es war. Dieses Mal gilt der Satz für Winnenden. Der depressive Junge mit der verheerend nachlässig verwahrten Waffe seines Vaters in der Hand hat eine ganze Gegend zur Geisel von Angst und Albträumen gemacht. Nun wird viel diskutiert  über die Ursache dieser Katastrophe, auch über gesetzliche Maßnahmen, die eine solche Tat verhindern helfen könnten. Das Waffenrecht wurde bereits verschärft, die Polizeitaktik verbessert. Trotzdem gibt es Ansatzpunkte. Warum werden die Computerprogramme, die derlei psychische Störungen verstärken, nicht geächtet? Natürlich finden Interessierte Mittel und Wege, an sie zu gelangen, aber ein Verbot wäre ein Signal. Warum erlauben es Behörden, dass Eltern versagen und ihren therapiebedürftigen Jungen nicht weiter behandeln lassen? Warum gibt es kaum unangemeldete Besuche der Polizei in waffenstarrenden Haushalten wie im Elternhaus des Todesschützen? Warum achten wir nicht mehr auf die Anzeichen der Wohlstandsverwahrlosung, die auch im aktuellen Fall eine Rolle spielen? Die vermeintlich Unauffälligen haben in unserer von Auffälligkeiten faszinierten Gesellschaft leider kaum eine Chance auf Beachtung. Dazu kommt ein über diesen Fall hinausgehendes Phänomen: Die Hemmschwelle gegenüber der Anwendung von Gewalt in unserer Gesellschaft sinkt stetig. Mitschüler, Lehrer oder wie jeden Samstag in der Düsseldorfer Altstadt zu beobachten   Polizeibeamte sehen sich kaum noch zügelbarer Aggression gerade Jugendlicher ausgesetzt. Der Verlust von Werten und Respekt vor Autoritäten, auch die schwindende Furcht vor Strafe in einer alles verstehenden und erklärenden Gesellschaft finden in Amoktaten einen furchtbaren Kulminationspunkt  dahinter steht aber auch eine allgegenwärtige Verrohung. Es bleibt dabei: Wir mögen uns ohnmächtig fühlen nach dieser Tat. Wir sind es nicht.

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