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Rheinische Post: Freude und Leid in einem Becher

    Düsseldorf (ots) - Von Reinhold Michels

    Wer käme heute, am 9. November, nicht ins Grübeln über Thomas Manns Satz: "Wie seltsam mischt die Vorsehung uns Sterblichen Freude und Leid in einem Becher." Der eigenartigen Doppelnatur des Datums - hier das Wunder des Mauerfalls vor 18, dort das Verbrechen der Reichspogromnacht vor 69 Jahren - steht für die immer wieder gestellte Frage nach der Doppelnatur von uns Deutschen: Wie konnte ein altes Kulturvolk, dem Großartiges gelungen und widerfahren ist, zwölf Jahre lang in den moralischen Orkus sinken und einem Jahrtausend-Lumpen verfallen? Heute wird freudig und mit Recht an den Beginn der Einheit und der Freiheit für die Ostdeutschen 1989 erinnert. Zeitgleich gedenken jüdische Landsleute an den Beginn der NS-Vernichtungswut 1938, die in Gaskammern mündete. Ohne den Nazi-GAU gäbe es weder den Schandtag 9. November 1938 noch die Teilung Deutschlands nebst Inhaftierung der DDR-Deutschen zwischen 1949 und 1989. Den Freudentag 9. November 1989, dem die Geschichte in Europa einen ihrer seltenen Tigersprünge folgen ließ (der britische Historiker T. G. Ash sieht Analogien zur Französischen Revolution 1789), wieder einmal vor seinem geistigen Auge zu haben (jeder ab 30 weiß, wie und wo er es erfuhr), ist deutsches Privileg. Dem Tag gebührt ein Denkmal.

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