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Weser-Kurier: Kommentar von Silke Hellwig zum Kopftuch-Urteil

Bremen (ots) - Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts eignet sich weder, um daraus eine Art Weltuntergang, noch um den Urknall für eine bessere Welt abzuleiten. Die Entscheidung ist dennoch bemerkenswert: Zum einen, weil das Gericht in Karlsruhe von seinem früheren Urteil abgerückt ist. Zum anderen, weil das Problem schlicht auf eine andere Ebene verlagert wurde, direkt in die Schulen. Die Richter haben sich damit in gewisser Weise aus der Affäre gezogen. Weltanschaulich-religiöse Neutralität an öffentlichen Schulen ist ein schützenswertes Gut. Dabei geht es allerdings vor allem ums Prinzip und nicht um konkrete Auswirkungen. Welchen Einfluss hat eine Lehrerin mit Kopftuch - oder ein Lehrer mit Kippa - auf Schüler, nur dadurch, dass sie sich zu einer Religion bekennen? Angesichts der großen Probleme, die die evangelische und katholische Kirche mit ihrem Nachwuchs haben - trotz Konfirmations- oder Kommunionsunterrichts, trotz christlicher Symbole zu Hause überm Bett oder im privaten Kindergarten -, darf man einen solchen Einfluss zumindest bezweifeln. Dass die Unionsparteien sogleich das Christentum als privilegierte Religion ausrufen, sind sie schon allein dem C in ihren Parteinamen schuldig. Wer das Urteil allerdings als einen Ausdruck von Toleranz feiert, freut sich zu früh. Nein, man darf fortan deutschen Schulleitern kräftig die Daumen drücken - für den Fall, dass sich Schüler, Schülerinnen, ein Lehrer oder eine Mutter beschweren. Rektoren und Direktoren werden Nicht-Messbares ermessen müssen, nämlich ob und wie sehr ein Kopftuch den Schulfrieden stört oder die staatliche Neutralität gefährdet. Die Weltanschauungen werden bei ihnen im Büro aufeinanderprallen. Und es wird nicht lange dauern, bis die ersten Klagen anhängig sind - die nach mehreren Instanzen vielleicht wieder beim Bundesverfassungsgericht landen. Das Urteil eignet sich gut zu einem Bumerang.

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