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Börsen-Zeitung: Der Rückzieher, Kommentar zu Linde von Stefan Kroneck

Frankfurt (ots) - Dass Fusionsverhandlungen von Großunternehmen an der hochkomplexen Governance scheitern können, ist eher die Regel als die Ausnahme. Insofern sind die von der Linde-Führung abgeblasenen Gespräche mit Praxair nichts Ungewöhnliches, waren doch die Aussichten, dass dieser Zusammenschluss tatsächlich in die Praxis umgesetzt wird, von Anfang an sehr vage.

Aufhorchen lässt, dass die Vertreter der Kapitalseite im Aufsichtsrat wohl die Reißleine zogen, wie aus der Ad-hoc-Meldung des Münchener Industriegasekonzerns hervorgeht. Musste etwa das Gremium auf diese Weise eingreifen, um zu verhindern, dass das Unternehmen durch Intrigen und Machtkämpfe im Management bei einer Fusion mit ungewissem Ausgang einen größeren Schaden nimmt? Als offiziellen Grund für die abgebrochenen Verhandlungen mit dem amerikanischen Wettbewerber gibt Linde an, dass die eigene Kernstruktur bei einem Zusammenschluss mit den Amerikanern zur Disposition gestanden hätte. Die deutsche Seite war nicht bereit, ihre zentralen Funktionen in das Headquarter von Praxair im US-Bundesstaat Connecticut verlegen zu lassen. Linde mit ihrer Matrixorganisation wäre wohl eine zentralistischer orientierte Führungskultur des US-Wettbewerbers übergestülpt worden - so jedenfalls heißt es in der Münchner Konzernzentrale.

Dieser Hinweis überzeugt nicht ganz, ist doch Linde deutlich größer als die profitablere Praxair-Gruppe. Fakt ist aber auch, dass Vorstandschef Wolfgang Büchele und Chefaufseher Wolfgang Reitzle ein solches fragwürdiges Verhandlungsergebnis vor den über 64.000 Konzernmitarbeitern nicht hätten überzeugend vertreten können.

Vor diesem Hintergrund könnte der Rückzieher dazu beitragen, Ruhe in das Unternehmen zu bringen - vorerst. Reitzle wird nun nicht Chairman eines neuen Gebildes von Linde und Praxair. Im Gegenzug bleibt Büchele, dessen Arbeitsverhältnis mit Finanzvorstand Georg Denoke als angespannt gilt, bis auf Weiteres Linde-CEO. Bei einer Fusion hätte er das Unternehmen verlassen müssen. Auf längere Sicht können in dieser Gemengelage aber die Spannungen erneut auftreten, hat sich doch an den Machtverhältnissen nichts wesentlich geändert.

Insofern wird die Linde-Gruppe weiterhin mit sich selbst beschäftigt sein. Die Münchner verpassten aus Sicht mancher die Chance eines großen strategischen Sprungs im Industriegasemarkt. Dies dürfe den Druck erhöhen, die eigenen Kostenstrukturen abzuarbeiten.

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