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Börsen-Zeitung: Herausforderung für Draghi, Marktkommentar von Kai Johannsen

Frankfurt (ots) - Im Kampf gegen Nullinflation oder drohende Deflation hat Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), in der abgelaufenen Woche noch eins oben draufgesetzt. Die Leitzinsen für die Eurozone wurden abermals gesenkt, den Banken werden neue langfristige Refinanzierungsgeschäfte zur Verfügung gestellt und - wie vieler Orten erwartet - werden die Anleihekäufe volumenmäßig aufgestockt.

Nicht jeder im Markt war aber davon ausgegangen, dass Draghi das Spektrum der "kaufbaren" Anleihen erweitern würde und nun in riskantere Formen von Bonds geht. Die EZB will auch Unternehmensanleihen erwerben - beschränkt sich dabei aber auf solche Adressen, die von den Ratingagenturen mit einer solideren Kreditwürdigkeitsnote eingestuft werden. Besser bekannt ist diese Liga als das Investment-Grade-Universum, also Unternehmen mit einer Bonität von Triple-A - diese Firmenadressen kann man in der Eurozone mit der Lupe suchen und wird sie trotzdem nicht finden - bis hin zu "BBB-"/"Baa3".

Details stehen noch aus

Details, wie dieses Programm später in der Praxis umgesetzt wird, gab es noch nicht. Auf der Arbeitsebene bei der EZB werden diesbezüglich wohl noch einige Entscheidungen zu treffen sein. An den Märkten wird diesbezüglich nun schon ganz gewaltig spekuliert. Wie groß ist das in Frage kommende Spektrum an Papieren? Wo wird gekauft? Was wird im Einzelnen gekauft und wie erfolgreich kann das überhaupt sein? Das sind nur einige wenige Fragen.

Die Analysten der Commerzbank haben bereits erste Abgrenzungen und Einordnungen vorgenommen. Das Volumen der Benchmark-Anleihen, die auf Euro denominiert sind und die der Investment-Grade-Liga angehören, hat ein Volumen von gut 1,5 Bill. Euro. Wohlgemerkt handelt es sich um die Benchmarks, also Anleihen mit Volumina ab 500 Mill. Euro aufwärts. Die 1,5 Bill. Euro umfassen aber Financials und Non-Financials zusammen; die Unternehmensanleihen kommen davon auf knapp 850 Mrd. Euro. In Frage kommen für die EZB aber nur Anleiheemittenten aus der Eurozone, denn auf Euro denominierte Bonds von Apple, Microsoft und Co, also jene Emittenten außerhalb der Eurozone, die aber im Euro emittieren, wollen Draghi & Co mit Sicherheit nicht kaufen. Und so errechnen die Commerzbank-Experten ein "kaufbares", EZB-fähiges Materialvolumen von einer knappen halben Billion Euro. Dies sind die Senior Unsecured Bonds, also vorrangige, unbesicherte Unternehmensanleihen.

Der Markt für Unternehmensanleihen - aber auch andere Segmente des europäischen Fixed-Income-Universums - sind im Zuge des Quantitative Easing der EZB, also der unkonventionellen Geldpolitik der Währungshüter, schon reichlich illiquide geworden. Es wird somit eine sehr starke Herausforderung, diese Käufe in diesem Segment letzten Endes auch umzusetzen. Es bleibt sportlich.

Und wie an den entsprechenden Indizes - wie etwa dem CDS-Index iTraxx Europe für die besser benoteten Namen in Europa - abzulesen ist, hat der Markt in diesem Jahr auf die Aussichten von Unternehmensanleihenkäufen der EZB schon heftig reagiert. Die Spreads der CDS haben sich deutlich eingeengt. Es lässt sich also ablesen, wo die Reise bei den Corporate-Bond-Spreads hingehen wird: Spread-Einengungen stehen an.

Die Unternehmensanleihekäufe der europäischen Währungshüter werden - wie die bisherigen Käufe von Staatsanleihen, Titeln staatsnaher Adressen, Covered Bonds und Asset Backed Securities auch - tiefe Spuren am Markt hinterlassen. Nicht nur dass die Spreads enger werden, auch die Liquidität, die ohnehin schon gelitten hat, wird weiter abnehmen. Und auch emissionsseitig werden sich Effekte zeigen. Wenn die Unternehmen wissen, dass die EZB nun auch bei ihnen zugreifen wird, dürfte sich sicherlich so mancher Treasurer zu Emissionen berufen sehen - zumal die Konditionen dafür ja immer besser werden.

Aber das bedeutet wiederum, dass auch solche Firmen emittieren werden, die es ohne EZB vielleicht nicht getan hätten. Und so mancher erhöht darüber die ohnehin schon komfortable Cash-Position noch weiter. Man braucht also nur noch abzuwägen: Was wird künftig noch günstiger sein? Der von der EZB subventionierte Bankkredit oder die von der EZB im Rahmen des Kaufprogramms gestützten Anleiheemissionen?

Fortsetzen wird sich jetzt aber auch noch der Crowding-out-Prozess. Denn auch bei Unternehmensanleihen werden Anleger nicht mehr so viel verdienen können und damit auf andere Anleihen ausweichen. Der Blick fällt dann schnell auf die High-Yielder. Mal abwarten, wann die EZB auch hier zugreifen wird.

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