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Börsen-Zeitung: Abschied vom Tafelsilber, Kommentar zur Japan Post von Martin Fritz

Frankfurt (ots)

Déjà-vu an der Tokioter Börse: 1987 wollte der damalige Regierungschef Yasuhiro Nakasone die Aktie als Anlage in Japan populär machen. Dafür brachte er den Telekom-Monopolisten NTT an die Börse. Private Anleger rissen sich um die Papiere. Der Aktienkurs von NTT stieg rasend, bis die Blase zwei Jahre später brutal platzte. Eine Generation von privaten Anlegern hatte sich die Finger verbrannt und kehrte nie wieder an die Börse zurück.

Knapp dreißig Jahre später will Premier Shinzo Abe die Japaner wieder zu einem Volk von Aktionären erziehen. Diesmal dient die Post als Vehikel. Tatsächlich zeichneten zahlreiche private Erst-Anleger die Papiere der Holding-Gesellschaft und ihrer beiden Finanztöchter. Und wieder explodierten beim Börsendebüt die Kurse. Die Papiere der Postversicherung verteuerten sich um mehr als die Hälfte, als ob es kein Morgen gäbe.

Wiederholt sich also die Geschichte? Sogar die Finanzzeitung "Nikkei" fühlte sich an die achtziger Jahre erinnert und fragte laut, ob dem japanischen Aktienmarkt in den nächsten zwei Jahren ein neuer Crash drohe. Doch die Zeiten haben sich geändert. Regierungschef Abe macht sich schlichtweg Illusionen. Das Privatvermögen in Japan ist überwiegend in der Hand der älteren Generationen. Diese Senioren haben weder die Zeit noch die Geduld, um in Aktien zu investieren, sondern wollen mit dem Ersparten nur ihre Rente aufbessern. Weil ihnen der Staat die Postaktien förmlich hinterhergeworfen hat, haben sie zugegriffen. Japaner lieben Sonderangebote.

Aber jeder Aktienzeichner weiß: Mit der Post lässt sich kein Blumentopf gewinnen. Wachstum ist nicht in Sicht, da die Bevölkerung altert und schrumpft. Doch die Dividendenrendite von 3% ist nicht zu verachten, da eine zehnjährige Staatsanleihe fast zehn Mal weniger einbringt. Viele Anleger, denen die Papiere zugelost wurden, haben ihre Zuteilung gleich am ersten Handelstag mit hohem Gewinn versilbert.

Auch die ursprüngliche Intention der Privatisierung hat sich überholt. Eigentlich wollten die Reformer damit die Verschwendung von Steuern stoppen, da die auch heute wieder regierenden Liberaldemokraten die Posteinlagen lange Zeit als Schattenhaushalt für die Finanzierung ihrer Konjunkturprogramme missbrauchten. Doch wegen der extrem hohen Staatsschulden lässt sich dieses Rad sowieso nicht mehr drehen. So bleibt unterm Strich nur die Tatsache, dass Japans Staat das letzte Tafelsilber verscherbelt, bevor das große Schuldenfinale beginnt.

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