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Börsen-Zeitung: Den Wechsel wagen, Kommentar zu VW von Carsten Steevens

Frankfurt (ots) - Sollte Martin Winterkorn die Verantwortung für "die schlimmen Fehler einiger weniger" Mitarbeiter übernehmen, die seit dem Wochenende Europas größten Autobauer erschüttern, die nach Meinung des Vorstandsvorsitzenden aber nicht die harte und ehrliche Arbeit von 600.000 Menschen im Volkswagen-Konzern unter Generalverdacht stellen dürfen? Sollte der 68-Jährige wegen des jahrelangen Täuschens bei Emissionstests von Dieselfahrzeugen, das kurz vor dem vergangenen Wochenende auf Druck unerbittlicher Behörden in den USA aufgeflogen ist, von seinem Posten zurücktreten? Die Antwort kann nur lauten: Ja.

Das Ausmaß der leichtsinnig zugelassenen Katastrophe ist für den Wolfsburger Dax-Konzern nicht absehbar. Um gut ein Drittel ist der Aktienkurs von Volkswagen allein in zwei Tagen abgesackt. War es das? Rund 6,5 Mrd. Euro will Volkswagen für die Bewältigung der Krise zurückstellen. Reicht das? Dass sich das Ergebnisziel 2015 nicht mehr halten lässt, ist weniger interessant als die Frage, wann denn der negative Nachrichtenfluss für VW enden wird. Die drohenden aufsichtlichen Strafen, der Umfang möglicher Sammelklagen von Kunden und Regressforderungen von Aktionären dürften sich noch ziemlich lange nicht genau abschätzen lassen. Und die manipulierende Software wurde offenbar nicht nur bei knapp 500.000 Fahrzeugen in Amerika eingesetzt. Sie führte weltweit bei elf Millionen Dieselfahrzeugen zu auffälligen Differenzen zwischen Abgasprüfwerten und tatsächlichem Fahrbetrieb. Ein Desaster.

Schon heute lässt sich sagen, dass der Schaden zu groß ist, den Volkswagen sich selbst, aber auch der gesamten, für Deutschland so eminent bedeutsamen Automobilwirtschaft zugefügt hat. Zu groß, um es bei Strafen für einige wenige "Manipulateure" zu belassen. Für den VW-Konzern, der in Deutschland in vorderster Reihe für Produkte mit dem weltweit geachteten Gütesiegel "Made in Germany" steht, ist der Manipulationsskandal ein Super-GAU. Dass sich das Unternehmen nun schnell und offen um Aufklärung bemüht, ist alternativlos. Doch die finanziellen Belastungen könnten leichter zu verkraften sein, als es dem Konzern gelingen wird, das rund um den Globus verloren gegangene Vertrauen wiederherzustellen.

Das Unternehmen Volkswagen, dessen Erfolg auf der hohen Qualität seiner Fahrzeuge beruht, muss die Konsequenzen aus dieser tiefen Vertrauenskrise an der Führungsspitze ziehen. Der Konzern sollte nach dem Abgang des Patriarchen Ferdinand Piëch den Umbruch nun auch auf dem Chefposten wagen.

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