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Börsen-Zeitung: Russlands Währungskrise, Marktkommentar von Stefan Schaaf

Frankfurt (ots) - Geschichte wiederholt sich in der Regel nicht. Glücklicherweise. Doch die Geschichte hat Lehren für die Gegenwart parat. Eine davon ist es, aufmerksam zu werden, wenn die außenpolitische Rhetorik von Regierenden pathetisch, nationalistisch oder gar religiös aufgeladen wird.

Häufig war dies in der Vergangenheit ein Zeichen für ernsthafte innenpolitische Schwierigkeiten, meist ökonomischer Art. Deshalb lohnt es sich achtsam zu sein, wenn der russische Präsident Wladimir Putin kürzlich in einer großen Rede von "heiligem Boden" in Zusammenhang mit der besetzten Halbinsel Krim sprach und andere religiöse Metaphern verwendete. Dies lässt vermuten, dass Russland eineinhalb Jahre nach Beginn seiner Wirtschaftskrise - gemessen am Rückgang der Einkaufsmanager-Indizes - und nach rund einem Jahr Ukraine-Konflikt und den darauf folgenden westlichen Sanktionen zunehmend wirtschaftlich und finanzpolitisch unter Druck steht.

Zinserhöhung verpufft

Die Finanzmärkte haben ihr Urteil inzwischen ohnehin gefällt: Russland ist derzeit kein Platz zu investieren, lautet die Botschaft der Anleger. Deutlich wird dies am Absturz des Rubel, der zum Wochenschluss trotz höherer Leitzinsen ungebremst weiterging. Für einen Dollar wurden bis zu 58,0263 Rubel gezahlt, womit die russische Valuta zur Weltleitwährung 2014 schon gut 75% abgewertet hat. Zweifelsohne steckt Russland mitten in einer Währungskrise. Sie ist inzwischen so stark, dass selbst eine Leitzinserhöhung auf jüngst 10,5% wirkungslos verpuffte.

"Um die Kapitalflucht in den Griff zu gekommen, müsste die russische Zentralbank den Leitzins um 400 bis 500 Basispunkte erhöhen", sagt George Saravelos, Leiter der europäischen Währungsanalyse bei der Deutschen Bank. Russland hat in diesem Jahr mit einem Kapitalabfluss von rund 100 Mrd. Dollar zu kämpfen, zudem sind die Währungs- und Goldreserven des Landes 2014 um rund ein Fünftel auf noch gut 400 Mrd. Dollar geschrumpft. Zugleich stehen russische Unternehmen mit einer höheren Summe im Ausland in der Kreide.

Aber auch andere Marktindikatoren zeigen, dass der wirtschaftliche Absturz Russlands sich eher beschleunigt als abbremst. So brach der Leitindex der Moskauer Börse, der RTS-Index zum Wochenschluss um bis zu 4,8% auf 784,53 Punkte und damit den tiefsten Stand seit fast sechs Jahren. Seit Jahresbeginn hat der Index fast 43% Wert eingebüßt. Zum Vergleich: Der MSCI-Aktienindex für die Schwellenländer hat im gleichen Zeitraum gerade einmal 5,6% nachgegeben.

Vertrauen schwindet

Wie deutlich sich Investoren inzwischen gegen die russische Wirtschaft positioniert haben, verdeutlichen die steigenden CDS-Notierungen. Sie sind zwar, wie auch die Euro-Krise zeigte, häufig spekulativ überzogen, zeigen aber einen deutlichen Trend für das Marktsentiment. Im Fall Russlands heißt dies: Anleger senken den Daumen. Fünfjährige Russland-CDS notieren aktuell bei rund 425 Basispunkten, womit das Ausfallrisiko von Schulden der Russischen Föderation zweieinhalbmal so hoch eingeschätzt wird wie zu Jahresbeginn.

Die russische Seite und ihre Unterstützer machen die westlichen Sanktionen für die Misere verantwortlich. Diese dürften den Abwärtstrend beschleunigt haben, insbesondere an den Finanzmärkten. Hinzu kommt der Ölpreisverfall, der offenbar einen Zwist zwischen Saudi-Arabien und den neuen Ölförderern in den USA zur Grundlage, für Russland jedoch gravierende Einnahmeausfälle zur Folge hat. Doch die wirtschaftlichen Probleme Russland liegen tiefer und länger zurück: die einseitige Abhängigkeit vom Rohstoffsektor, Rechtsunsicherheit und damit fehlendes Investorenvertrauen, schließlich politische Risiken.

An diesen Punkten muss Russland ansetzen, wenn es seine Krise in den Griff bekommen will. Insofern könnten die jüngsten Friedenssignale aus Moskau - Außenminister Sergej Lawrow sieht mit der Feuerpause im Ukraine-Krieg die Chance auf Frieden - Hoffnung machen.

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